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Dienstag, 31. Oktober 2006

Der Duft des Eisens

Während Jean-Baptiste Grenouille aus Patrick Süskinds Roman "Das Parfum" ergebnislos versuchte, durch Destillation den Geruch von Eisen und Glas einzufangen und für die Ewigkeit zu konservieren, haben ein paar forsche Forscher immerhin den charakteristischen Metallgeruch entschlüsselt, der entsteht, wenn man Eisen mit der bloßen Hand anfasst. Ein wohl jedem Eisenhüttenstädter vertrauter Geruch, könnte man meinen.

"Dieser Geruch des Eisens bei Hautkontakt ist ironischerweise eine Art menschlicher Körpergeruch", eröffnet Dieter Glindemann vom Virginia Polytechnic Institut. Der Geruch entsteht, wenn das im Körperschweiß vorhandene Fett in Gegenwart von Eisen abgebaut wird. Dabei wird ein sogenanntes Octenon frei, welches hauptsächlich den typischen Geruch erzeugt.

(Quelle: GdCh, Zeitung leider unbekannt, Artikel lag im Zug)

Montag, 30. Oktober 2006

Eisenhüttenstadt in Berlin

"It’s Hardcore-Punk, Baby!" So lautete am Abend des 28. Oktober das Motto im Koma F in der Køpi, mitten in der Mitte der Hauptstadt. Dies wäre angesichts des autonomen Häuserkomplexes ja nichts wirklich Verwunderliches oder außergewöhnlich Erwähnenswertes, wenn da nicht eine Stadt involviert wäre, die wir alle gut kennen und die vor Ort nur als Schüttstadt bezeichnet wurde. Der Punkabend wurde nämlich von drei Bands bestritten, die zum Teil oder völlig aus Musikern der Stahlarbeiterstadt bestanden als da wären:

- Køterkacke (Kiezpunk aus F-Hain)
- Stalinstadt Ensemble (Werkscore aus Schüttstadt)
- Sax & Violins (80s Hit-Tanzkapelle aus DD)

Grund genug für mich, mal wieder meinen guten Konzertpullover anzuziehen und mit dem RE1 nach Berlin zu juckeln. Im Koma F angekommen, entdeckte ich lauter bekannte Gesichter, es war wie ein Heimspiel im Café Olé: Radi & Schnitzel am Einlass, Lothi & Andrea anna Bar und Linda, Hoppel, Enno, Dirk, Olli usw im Publikum. Und das alles für 1 Euro Eintritt, Allah sei Dank!

Den Auftakt machte das als "Punk-Brigade" angekündigte Stalinstadt Ensemble, welches die anwesenden Punks sogleich zum Pogen brachte. Euer geschätzter Andi Leser, der zu Recherchezwecken für Euch fotografieren wollte, musste sich in Acht+Bann nehmen, denn in dem niedrigen und übervollen Kellergewölbe blieb kein Raum für Sicherheitsabstand. Irgendwann riefen einige Ungeduldige: "Køterkacke! Køterkacke!" Linda, Frontmann beim SSE, konterte: "Man, ihr habt doch in Berlin genug Köterkacke! Überall Köterkacke auf den Straßen!"

Irgendwann nach Mitternacht sind dann die Lokalhelden am Ruder, das Trio Køterkacke. Wohlgemerkt, hier ist nur die Bassistin Lothaar Rothaar (vormals Dead Kaspar Hausers) aus Hütte. Schweißmoleküle verteilen sich in der Luft. Wieder wird gepogt und ich bekomme Bilder zu sehen, die ich mir nicht hätte träumen lassen: Einer der Tanzwütigen schüttelt seine Bierpulle so heftig, dass Gesternsaft an die niedrige Kohlenkellerdecke spritzt. Mit geöffnetem Mund fängt er einige der Tropfen, die von der Schwerkraft wieder nach unten gezogen wurden, auf und schluckt sie hinter. Wohl bekomm’s! Auch Blut floss, wenn auch wenig, allerdings nicht von der Decke, sondern aus einer Platzwunde.

Der Dritte in der Berliner Mitte war die Dresdner Tanzkapelle Sax & Violins (vermutlich benannt nach einem Song der Talking Heads), hier wohnte der Schlacherzeuger Hoppel einst in der Hüttenstadt und in meiner unmittelbaren Nachbarschaft. Mit altbekannten Titeln ausse Achtziger ging es Richtung Disko (ich persönlich vermisste Tragedy) und der Pogotanzstil beruhigte sich ein wenig. Vom life gespielten Boys Don’t Cry ging’s irgendwann über zu Girls Just Want To Have Fun von der Konserve. Der CD-Player hatte ne Macke, so dass dieser Song an die fünf Mal ins Programm sprang.

Am Ende des Abends, so gegen vier, hatte ich viele schöne Fotos, ein Paar ruinierte Turnschuhe, schwarze Kohlenstaubpopel in der Nase und jede Menge Spaß gehabt.

Freitag, 27. Oktober 2006

Den planerade staden

Jag skulle vilja berätta om min hemort som heter Eisenhüttenstadt och som kallades "den första socialistiska staden i Tyskland".

Eisenhüttenstadt är en produkt av det andra världskriget, vilket delade Tyskland i två delar. Västtyskland blev demokratisk och präglad av en social-liberala marknaden. Östtyskland lade bakom järnridå och var delen av Sovjetunionens imperium - en satellit. Ett stort problem var att det fanns quasi ingen industri i Östertyskland, men det behövdes särskilt järn- och stålverk för att bygga upp vidare industrigrener.

1950 fattade DDR-regeringen besluten att bygga upp ett stålverk i närheten av gränsen till Polen. Och nu får ni en lektion i socialistiska matematik: ryssk järnmalm + polnisk koks = tysk fredsstål.

Den 18 augusti 1950 grundades verk och stad - eftersom man behövde också människor som arbetar i verket. Det var allt liten väl genomtänkt därför att staden hade inget namn och de första husen var riktig fulla.

Det fanns många protester från befolkningens sidan och regeringen kom ihåg att det var en bra chans att skapa en förebild i den socialistiska arkitekturen och stadsbyggen. En konkurrens blev utskriven: Vem planerar den bästa möjliga socialistiska världen? Kurt W. Leucht har vunnit med sin plan.

I Eisenhüttenstadt har vi en dualität: verket och stan. Alla gatorna riktades mer eller mindre till EKO-ingånger. Husen blev så kallade arbetarpalatser med kakelugn. 1953 skedde ett stort tilldrugelse: Stalin dog. Därför döptes den nya staden Stalinstadt.

Übrigens: Im Schwedischen kann die Formulierung "den planerade staden" sowohl "die geplante Stadt" als auch "die planierte Stadt" bedeuten. Beides träfe auf Eisenhüttenstadt zu.

Donnerstag, 26. Oktober 2006

Sag es kürzer - mit Flickr

Erik Kastner hat sich Spell with Flickr ausgedacht. Das sieht dann in unserem Fall so aus:
Laemmy, Blogwart vom Eisenhüttenstadt-Blog hat sich seinerseits die liebe Mühe gemacht, unseren bandwurmartigen Stadtnamen in seiner voller Länge auszuschreiben. Doch Länge ist nicht alles, wie man weiß. In der Kürze liegt oft die Würze.

via: Qbi

Mittwoch, 25. Oktober 2006

Motiv des Monats Oktober: der Bahnhof

Die Eisenhüttenstädter Eisenbahnstation wurde von Ben, dem graphomanen Blogwart des Eisenhüttenstadt-Blog, zum Motiv des Monats Oktober erklärt. Zu recht, wie ich finde. Bislang sind einige schöne Aufnahmen vom Bahnhof entstanden, aber der Monat ist noch lange nicht zu Ende und hat demzufolge noch ein paar Tage zu bieten. Also: wer sich beteiligen und das ungewöhnlich sonnige Herbstwetter gut nutzen möchte, der sollte sich hurtig-spurtig mit seinem Fotoapparat bewaffnen und auf den transatlantischen Windzug aufspringen. Die geschossenen Bilder dann am besten flickern und mit den richtigen und wichtigen Tags (Bahnhof, Eisenhüttenstadt) versehen. Meinen persönlichen Bildfavoriten habe ich bei Flickr entliehen und oben eingefügt: Das Foto zeigt einen kunterbunten Bahnhof, der so nun nicht wirklich existiert. Weitere Fotos zum Thema gibt es, wenn man auf die Überschrift dieses Eintrags klickt.

Foto: x**

Eisenhüttenstadt ist halt überall

Das Projekt "Eisenhüttenstadt ist halt überall" aka E.i.h.ü. ist jetzt bei Flickr beheimatet. Alles weitere steht bei der Gruppenbeschreibung.

Freitag, 20. Oktober 2006

Knifflige Rätseligkeit

Und hier nun wieder eine knifflige Frage für Menschen mit einer guten Beobachtungsgabe und einer detailierten Ortskenntnis. Wo befinden sich diese beiden Gedenktafeln? Kleiner Tipp: Euer hochgeschätzter Andi Leser hatte jeweils in der dazugehörigen Straße seine erste bzw. seine zweite Wohnung und wohnte von den abgebildeten Tafeln mit den quasi gleichlautenden Inschriften immer nur eine Querstraße entfernt. Diese Hilfestellung erleichtert natürlich vorrangig denen, die mit dem Autor gut bekannt sind, die Beantwortung der Frage...

Mittwoch, 18. Oktober 2006

Freitag, 13. Oktober 2006

Neue Rätseligkeit

Wo befindet sich diese herausragende Inschrift und worauf soll sie hinweisen? Bitte posten!

Donnerstag, 12. Oktober 2006

Dritte Rätseligkeit

Wo in der Stadt steht dieser mit exklusiver Terrasse und erlesener Literatur ausgestattete schöne Pavillon? Mögliche Antworten bitte posten.

Freitag, 6. Oktober 2006

Der Führer schenkt den Klonen eine Stadt, 4

"You're so square / Baby, I don’t care."
(Buddy Holly)

EINTRAGUNG NR. 4

Übersicht: Wohnungsvergabe. Zuteilung der Lebenspartner. D-1808.

Nachdem der fürsorgliche Führer unserer neuen Stadt den schönen und wohlklingenden Namen Stahlstadt gegeben hatte, war befohlene zehn Minuten lang tosender Applaus zu hören. Welch Orkan! Es wird der Tag kommen, an dem werden auch noch die letzten Unterschiede zwischen uns beseitigt sein und 30.000 Klone werden im Gleichtakt klatschen. Ein großer Organismus mit tausenden, ach: Millionen Händen!

Im Anschluss an die Namenverleihung erfolgt die heißersehnte Vergabe des Wohnraums. Die Klone waren dazu aufgerufen, sich in Reihen zu formieren. Vor dem Obelisken standen Schalen randvoll mit kleinen Zetteln. Die Zettel wurden jeweils mit einer Nummer versehen, die einem bezugsfertigen Wohnraum zugeordnet war. Jede Wohnung besteht aus zwei Wohnräumen, so dass immer zwei Klone als Lebenspartner zusammen leben. Nun könnte jemand, der unsere Gesellschaftsordnung nicht kennt, einwerfen, dass diese Wohnungsvergabe vom Zufall bestimmt sei und deshalb dem Einfluss einer unberechenbaren Größe ausgeliefert ist. Dem ist nicht so! Wir Klone sind einander so ähnlich, nein, ich muss mich korrigieren: wir sind komplett identisch – und das sind auch unsere künftigen Wohnungen. Niemand muss sich bevorzugt oder benachteiligt fühlen, denn alle neuen Lebensgemeinschaften werden einander ohnehin gleichen.

Wenn ich eben behauptet habe, dass wir Klone komplett identisch sind, so muss ich ergänzen, dass es zwei Grundformen gibt, die sich zwar voneinander unterscheiden, doch untereinander gleich sind, da sie sich von denselben Prototypen ableiten. Demnach gibt es weibliche Klone, die alle vom Klon Dolly abstammen, und es gibt männliche Klone, die perfekte Kopien der Originaltype Klon Ferdinand sind. Ich zum Beispiel bin die viertausendsiebenhundertundzweiundzwanzigste Kopie des Klons Ferdinand und höre folglich auf den völlig logischen Namen F-4722.

Die Nummer auf dem Zettel, den ich aus der Schale zog, lautete übrigens 14-12-4-3, was nichts anderes bedeutet, als dass sich mein Wohnraum in der 14. Straße, 12. Treppenaufgang, 4. Stock und hinter der 3. Tür befindet. Vor dieser Tür traf ich dann den mir zugeteilten Lebenspartner: D-1808. Sie sah aus wie alle unsere weiblichen Klone – wunderschön. Dem Brauch entsprechend musste ich D-1808 über die Schwelle tragen, damit wir beide gleichzeitig die Wohnung betreten konnten. Von nun an waren wir ein Paar, die kleinste Zelle eines großen Staatsorganismus‘.

Kaum hatten wir die Wohnung in einer gemeinsamen Begehung besichtigt, schlüpfte D-1808 auch schon ins Hygienezimmer und verschloss die Tür vor meiner Nase. Ich war etwas irritiert, denn eigentlich durfte es keine Geheimnisse zwischen uns geben. Daraufhin ging ich in meinen Raum und erfreute mich seiner quadratischen Grundfläche. Wie wohlproportioniert alles war! Ich geriet sogleich ins Tagträumen und stellte mir vor, dass genau in diesem Augenblick 30.000 Klone ebenso wie ich in ihren Räumen sitzen und die himmlische Geometrie unserer revolutionären Architektur bestaunen. Ich übertreibe keinesfalls, wenn ich behaupte, dass wir den rechten Winkel neu erfunden haben.

Donnerstag, 5. Oktober 2006

Der Führer schenkt den Klonen eine Stadt, 3

EINTRAGUNG NR. 3

Übersicht: Des Führers Rede. Der Name der Stadt. Roter und Blauer Planet.

In Reih und Glied standen 30.000 Klone auf dem Zentralen Platz und warteten voller Ehrfurcht darauf, dass sich die Wortes des Führers wie Politur über sie ergießen mochten. Dann war es endlich soweit. Uns wurde zu Klatschen befohlen und unmittelbar danach betrat ein bärtiger Mann in weißer Generalsuniform die Bühne vor dem Obelisken. Da mein Erinnerungsvermögen nicht so perfekt funktioniert wie das unserer Abteilung für AgitProp (das sieht man schon daran, dass ich glaubte, mich daran zu erinnern, es hätten drei Männer auf der Tribüne gestanden, doch auf dem Zeitungsfoto sind eindeutig nur zwei zu sehen), zitiere ich den genauen Wortlaut der Rede so wie er heute in der Staatszeitung abgedruckt wurde:

„Klone des Einzigen Demokratischen Volksstaates! Ein außerordentlich bedeutsames Ereignis hat uns hier zusammengeführt: Die Einweihung der ersten Stadtneugründung auf dem Roten Planeten. Viele weitere werden folgen und sie werden ebenso prächtig aussehen wie diese Idealstadt. (Applaus.) Die Zeit der Barackensiedlungen auf Marx und Engels sind somit Teil der Geschichte! (Lang anhaltender Applaus.) Diese schöne neue Stadt ist ein wesentlicher Schritt beim Aufbau einer neuen friedliebenden Gesellschaftsordnung, die der Welt beweisen wird, dass es ohne die Ausbeuter und Kapitalisten tausendmal besser geht. (Lang anhaltender Applaus.) Die hier lebenden Klone sind in einheitlichen Quartieren zu Hause, ihr Arbeitsfeld wird das Stahl- & Eisenkombinat vor den Toren der Stadt sein.

Seit unserer gewaltsamen Vertreibung vom Blauen Planeten müssen wir gerüstet und gewappnet sein gegen die bevorstehenden Angriffe des Gegners. Unser friedliebender Staat ist in ständiger Gefahr. Der Feind kann überall sein. Die Konterrevolution wartet nur auf einen geeigneten Augenblick, um den Roten Planeten zu überfallen. Das dürfen wir nicht zulassen! Darum brauchen wir noch mehr verbesserte Waffen und ausreichend Munition. Jede Tonne Roheisen hält den Frieden aufrecht. Deshalb soll unsere neue Stadt den ehrenvollen Namen Stahlstadt tragen. Wir müssen leben, darum Stahl. (Minutenlanger Applaus.)“

Da ich davon ausgehe, dass der zukünftige Leser dieser Eintragungen in Geschichte nicht so gut bewandert ist, werde ich hier einige Dinge erklären. Der fürsorgliche Führer hatte im Jahre 2218 mit Hilfe von Klonen versucht, den Blauen Planeten von der Ausbeuterherrschaft zu befreien und durch den Interplanetarischen Kommunismus zu ersetzen. Die Revolution wurde jedoch verraten, der fürsorgliche Führer musste daraufhin mitsamt seinen Klonen auf den Mars und dessen Trabanten fliehen. Hier nutzte er die Chance, seine Vision von einer gerechten Gesellschaftsordnung umzusetzen und beseitigte mit seinem ersten Erlass die kriegerische Bezeichnung für den Roten Planeten (Mars – ein Kriegsgott) sowie für dessen Monde Phobos und Deimos ("Angst" und "Schrecken"), welche nun Marx und Engels heißen. Bald stellte sich heraus, dass der Rote Planet von einer Eisenoxidschicht überzogen ist, die sich photoelektrisch in Roheisen umwandeln lässt und der der Planet auch seinen rotbraunen Farbton verdankt. So wurde der Grundstein für die Industrialisierung gelegt.

...wird fortgeätzt...

[04:10:2006@e-city:de]

Montag, 2. Oktober 2006

Der Führer schenkt den Klonen eine Stadt, 2

"You’re so square / Baby, I don’t care."
(Buddy Holly)

EINTRAGUNG NR. 2

Übersicht: Ein seltsamer Traum. Sinfonie & Harmonie. Der Blick des Führers.

Als an diesem Morgen das allgemeine Wecksignal "Klone, hört die Signale" ertönte, wurde ich aus einem sehr seltsamen Traum gerissen. Gerade eben hatte ich zum wiederholten Mal unserem fürsorglichen Führer das Leben gerettet, doch als er sich wie üblich zu mir hinunterbeugte, um mir in die Wange zu kneifen, rutschte ihm plötzlich die Mütze vom Kopf und langes langes lockiges Haar wallte links und rechts herab. Der weiße Bart war plötzlich verschwunden und eine sanfte Hand streichelte mir anmutig das Haupt. „Mein Held“, flüsterte eine feminine Stimme. Just im entscheidenden Moment, als ich versuchte, das dazugehörige Gesicht klar zu sehen, dröhnte das allgemeine Wecksignal los wie die Posaunen von Jericho und zerstörte meine irrationalen Traumgespinste.

Alle Klone des Einzigen Demokratischen Volksstaates (E.D.V.) waren heute von einer freudigen, doch gezügelten Begeisterung ergriffen und entsprechend den Dienstgraden in blaugraue Paradeuniformen gekleidet. Kein Wunder, war doch der Y. Jahrestag der Großen Revolution der Geburtstag eines jeden Einzelnen von uns. In dem Transportraumschiff, welches uns von der kargen Mondlandschaft zur Oberfläche des Roten Planeten beförderte, erklang die Musik des guten alten Ludwig van: „Froh wie seine Sonnen fliegen / Durch des Himmels prächt’gen Plan, / Laufet, Brüder, eure Bahn, / Freudig wie ein Held zum Siegen.“ Diese Musik war angewandte Mathematik, hörbar gemachte Zahlenharmonie, klar wie Kristall. Die Anordnung der unterschiedlichsten Töne zu einem sinfonischen Ganzen sollte uns ein Vorbild sein, denn wie ein Dirigent mit eiserner Disziplin den Einzelwillen seiner Musiker bindet und zugunsten einer höheren Schönheit ordnet, so müssen auch wir Klone uns völlig dem Willen unseres fürsorglichen Führers unterwerfen, damit dieser aus unserem Zusammenspiel eine höhere Gesellschaftsordnung komponieren kann. So wie ein falsch gestimmtes Instrument für Missklang sorgt und ein ganzes Stück ruiniert, so kann auch ein falsch gestimmter Klon die ganze Gemeinschaft sabotieren. Hierzu war es notwendig, dass die Klone im Allgemeinen auf eine eigene Meinung verzichteten.

Das Transportschiff landete direkt vor dem östlichen Stadttor, durch das zu marschieren wir nun angehalten waren. Im Gleichschritt und zu quadratischen Formationen ausgerichtet stampften wir dem goldenen Zeitalter entgegen. Obwohl die strengen Marschregeln Augen geradeaus vorschrieben, riskierte ich doch einen Blick zur Seite, denn ich sah dies alles zum ersten Mal in meinem Leben: die schnurgeraden Straßen, das lichtfunkelnde Glas des Straßenpflasters, die langgestreckten Kuben der durchsichtigen Wohnhäuser, die quadratische Harmonie der blaugrauen Marschblöcke.

Die Stadt, neue Heimat für exakt 30.000 Klone, wird von zwei Hauptverkehrsstraßen (cardo und decumanus) durchzogen, die sich im Zentrum kreuzen. Dort war die Symmetrie zugunsten eines Zentralen Platzes, in dessen Mitte ein gigantischer Obelisk errichtet worden war, aufgehoben. Aus drei Himmelrichtungen marschierten die Klone auf den Platz zu, um sich vor einer Tribüne zu positionieren. Und dort war ER, der fürsorgliche Führer, und winkte uns allen zu – auch mir, denn für einen kurzen Moment sah ER genau zu mir herüber! Durch den Blickkontakt fühlte ich mich mit IHM und über IHN mit dem ganzen E.D.V. verbunden. Ich war nicht allein.

...wird fortgeätzt...

Sonntag, 1. Oktober 2006

Der Führer schenkt den Klonen eine Stadt

"You're so square / Baby, I don’t care."
(Buddy Holly)

EINTRAGUNG NR. 1

Übersicht: Eine Zeitungsnotiz. Der Vater des Volkes. Der rechte Winkel. Die ideale Stadt.

Ich gebe hier genau wider, was ich der heutigen Ausgabe unserer Staatszeitung Die Wahrheit entnehme: "Morgen, am Y. Jahrestag unserer Großen Volksrevolution, wird ein weiterer Meilenstein den Weg des unbeirrbaren Fortschritts pflastern. Der fürsorgliche Führer des Einzigen Demokratischen Volksstaates (E.D.V.) und Vorsitzender der Institutionalisierten Revolution (InRe) wird unter seinen getreuen Geschöpfen weilen und die neue Stadt – SEIN GESCHENK AN UNS – mit der Abnahme einer Militärparade einweihen. Dabei wird der revolutionäre Name unserer neuerbauten Stadt bekannt gegeben. Im Anschluss beginnt auf dem Zentralen Platz der Republik die gerechte Zuteilung von Wohnraum und der Lebenspartner. Für die gesamte Dauer des Tages ist Jubelstimmung angeordnet."

Darüber hinaus ziert die Titelseite der Staatszeitung, die aus Gründen der Papierkontingentierung nur einseitig erscheint, die Abbildung eines ungefähren Stadtplans (man muss stets vor Spionen auf der Hut sein) sowie, in derselben Größe, ein Foto unseres fürsorglichen Führers. Durch seinen weißen Bart hat ER das gütige und gleichsam gestrenge Gesicht eines liebenden Vaters. Und das ist ER auch: der Vater seines Volkes. O wie weise ist ER und ach wie unwissend sind wir! Wie gern würden wir unsere unwürdigen Leben hingeben für IHN, den vollendeten Menschen! Oft schon träumte mir des Nachts, dass ich die unverdiente Gnade bekäme, einen Anschlag auf den Führer zu vereiteln, indem ich mich schützend vor IHN warf und tapfer alle tödlichen Kugeln mit meinem Körper auffing. Der Führer zeigte sich jedes Mal so angetan von meiner Heldentat, dass er sich zu mir herunterbeugte, mir anerkennend in die Wange kniff und sagte: "Du hast dein Leben für das Wichtigste im Leben geopfert: für dein Vaterland."

Ich gerate schon wieder ins Tagträumen, dabei ist uns das ausdrücklich verboten. Der abgedruckte Stadtplan lässt trotz seiner Unbestimmtheit bereits die Großartigkeit der gesamten Stadtanlage erahnen und offenbart die idealste aller idealen Städte, das neue Jerusalem. Alles steht zueinander im rechten Winkel, denn jener ist das einzige Grundgesetz der vollkommenen mathematischen Harmonie. Der rechte Winkel ermöglicht uns das Konstruieren perfekter geometrischer Flächen und idealer architektonischer Körper; von Rechtecken und Quadraten, welche die chaotischen Unebenheiten des Roten Planeten in planen Baugrund verwandeln; von Quadern und Kuben, welche die Unendlichkeit des Raumes begrenzen und in ein menschliches Maß zwingen. Man kann sagen, der rechte Winkel ist die sichtbare Manifestation einer göttlichen Vernunft im Diesseits.

Die Stadt ist viereckig angelegt, ebenso lang wie breit. Sie ist zwölftausend Wegmaße lang und ebenso breit und wird von einer hohen gläsernen Mauer umgeben, die von vier Toren unterbrochen wird, für jede Himmelrichtung eines. Die Stadtmauer wurde auf zwölf Grundsteinen errichtet, auf denen die Namen der zwölf Märtyrer unserer Großen Volksrevolution stehen. Einen Tempel gibt es nicht in der Stadt. Unsere Kirche ist der Tempel der Arbeit, das Eisenwerk vor den Toren der Stadt, die hehre Kathedrale des Sozialismus. Wie sehr erwarte ich das Morgen, wenn die Zukunft endlich beginnt!

...wird fortgeätzt...

(01:10:2006@e-city:de)