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Dienstag, 14. November 2006

The Alex Pistols

"In einem Dorf wohnten zwei Männer, die denselben Namen hatten. Beide hießen Klaus."
(Hans Christian Andersen: Der kleine und der große Klaus)

"Guter Bog, dachte ich, er ist auch ein Alex."
(Anthony Burgess: Clockwork Orange)

Bodenplatte
THE ALEX PISTOLS
oder:
NEVER MIND THE ALEXPLOITED!
HERE'S THE ALEX PISTOLS!

O meine Brüder und Schwestern, lasst euch erzählen von einer Zeit, da es sich begab, dass ich Mitglied einer gefürchteten Punkband war. Ihr mögt vergessen haben, wie diese Zeiten waren, wo sich heutzutage alles so skorri verändert und die Leute schnell vergessen und auch nicht mehr viel Zeitung gelesen wird.

Ich wuchs in einer "sozialistischen Arbeiterstadt" auf und wohnte zu dieser Zeit in einem Block in der Friedrich-Engels-Straße 12a. Durch göttliche Fügung ergab es sich, dass all meine Freunde, deren Vertrauen ich gewann, ebenso wie ich auf den schönen Namen Alexander hörten. Wir trafen uns stets bei einem von uns Zuhaus, um zusammen die gute Fruchtmilch zu trinken und mitgebrachten Platten von Beethoven, Mozart oder Mussorgski Gehör zu schenken. Dies war sehr gefährlich, O meine Brüder und Schwestern, denn klassische Musik wurde von staatswegen nicht nur als dekadent und verwerflich angesehen, sondern galt auch als vollkommen bürgerlich.

Unser gegenseitiges Interesse für die schönen Künste, namentlich Musik und Dichtkunst, führte zu dem gemeinsam getragenen Entschluss, eine Punkband zu gründen. Die Melodien hierfür wollten wir ebenso wie die Texte selbst schreiben. Wir übten heimlich im Kohlenkeller der elterlichen Wohnungen und nannten uns aufgrund unserer Namensgleichheit The Alex Pistols. Und so war die Aufgabenverteilung: Alexander B. spielte Bratsche, Alexander K. übernahm den Kontrabass, Alexander W. und ich besetzten die erste bzw. die zweite Geige, und Alexander S. versuchte sich als Sänger.

Während unserer Proben betranken wir uns immer mächtig mit Fruchtmilch, denn die enthielt verboten viele Vitamine und obendrein noch Kalzium. Wir hatten dabei das untrügliche Gefühl, die Fruchtmilch würde mehr aus uns herausholen als jemals drinsteckte. Unser Zusammenspiel verbesserte sich durch deren Einnahme auf eine Art und Weise, die fast schon auf Telepathie hindeutete, O meine Brüder und Schwestern. Auch spornte mich der Genuss von Fruchtmilch zu einem virtuosen Geigenspiel an, in Variationen, die nahezu göttlich inspiriert anmuteten.

Unsere erste Eigenkomposition war auch unsere erfolgreichste und orientierte sich an der "Ode an die Freundin" aus der Verneinten Sinfonie des guten alten Ludwig van. Wir tauften unsere Komposition in pubertärer Begeisterung einfach mal "Seid umschlungen, Melonen". Hier die erste Strophe:

"Seid umschlungen, Melonen!
Diesen Kuss der ganzen Welt!
Freundin, schönes Götterfunkeln, Engel vom Gymnasium,
Wir betreten fruchtmilchtrunken, Himmlische, dein Heiligtum."

Das war Punk, O meine Brüder und Schwestern! Wie begeistert zeigten sich unsere Fans auf unseren heimlichen, in Garagen und Kellern abgehaltenen Konzerten bereits bei diesem ersten Opus. Als dann noch "Ehre sei Gott in der Höh", "Mein Liebchen sitzt bei Tisch" und "Achte deine Eltern" erklangen, gab es wahre Begeisterungsstürme. Vor allem unsere weiblichen Groupies, die sich 'Die Alexandras' nannten, riefen in Sprechchören unisono: "Alex, Droogs & Rock'n'Roll!" Immer und immer wieder.

Es dauerte nicht lang bis wir dann in Konflikt mit der Staatsmacht gerieten. Graue Herren in grauen Mänteln erschienen plötzlich in der Schule und stellten verfängliche Fragen. Wir Alexanderse wurden ins Direktorzimmer zitiert, wo wir auf das Übelste beschimpft und zurechtgewiesen wurden. Unser Direktor schrie uns an:

"Wat isn dit für ne Hottentottenmusike! Wollta etwa den Sozialismus damit lächerlich machn? Dit is vollkommen unproletarisch sowat! Wir sin hier ne Arbeiter- und Bauernmacht und keen bürgerlicher Gesangsverein, damit dit ma klar is! Hab ick ma verständlich ausjedrückt?"

Wir alle mussten eine Erklärung unterschreiben, in der wir unseren eigenen Musikgeschmack als 'entgleist' diffamierten und Besserung gelobten. Ein jeder von uns wurde daraufhin an eine andere Schule versetzt, die Instrumente wurden als 'Wiedergutmachung' eingezogen und die Alex Pistols aufgelöst. Daran muss ich immer denken, wenn heute jemand sagt, es wäre nicht alles schlecht gewesen damals.

(© 3:12:2004@e-city:de)

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