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Samstag, 24. April 2010

Ute sacht: Gute Nacht!


Anlässlich der Re:publica, dem Ferienwochenende der deutschen Bloggerinnen und Blogger, hat das Inforadio meinen guten Spielkameraden und Blognachbarn Ben aufgesucht. Um mit ihm ein Interview über die Stadt zu machen, die wir alle so liebhaben. Das Interview steht leider nicht mehr online, zumindest scheiterten meine Aufrufversuche kläglich. Am Ende sagte Ben etwas, dass mich sehr hellhörig werden ließ. Er meinte etwas von einer Müdigkeit, die ihn bezüglich des Bloggens über, um und aus Eisenhüttenstadt erfasst habe, obwohl das allgemeine Interesse so groß sei wie nie zuvor. Mit diesem Gefühl ist er nicht allein.

Es war im Frühjahr des Jahres 2006, als das "Eisenhüttenstadt-Blog – Weblog für eine alternative Stadtwahrnehmung" auf Sendung ging. Zwei Wochen später kam mir durch eine plötzliche Eingebung dieselbe Idee und ich gründete ohne Wissen des anderen das "Logbuch Stahl(in)stadt" – ein Weblog über na-was-wohl. Damals muss etwas in der Luft gewesen sein, was ich mit akuter Bloggeritis bezeichnen möchte, denn Blogs schossen wie Shiitakepilze aus der Borke. Von Beginn an kooperierten beide Blogs miteinander.

Ben und Andi, wir warfen uns die Bälle hin und her, gingen gemeinsam auf unzählige Foto-Stadt-Safaris, planten planlose Stadtführungen durch die Planstadt, tauschten uns rege über die Geschichte der Stadt und eigene Kindheitserinnerungen aus und machten sogar eine Exkursion nach Hoyerswerda, der zweiten sozialistischen Planstadt der DDR, ein städtischer Albtraum. Wir dichteten und kalauerten, bis unsere Gehirne glühten und telepathische Druckwellen ins Stadtzentrum schickten. Wir neckten, stritten und vertrugen uns. Wir initiierten Fotowettbewerbe auf Flickr und Infoduelle auf unseren Blogs. Nebenher entstand ein kleines Stadtwiki namens Wikihüttenstadt, das immer noch seiner Fertigstellung harrt. Auf diesem Weg geht übrigens ein herzliches Dankeschön an Silvio Kunze, der die technischen Grundlagen des Wikis und manch anderer Sachen bereitstellte und die meiste Zeit unsichtbar im Hintergrund wirkte. So haben wir uns gegenseitig angespornt, Rückkopplung durch Feedback, und ich bin erst dadurch soweit gekommen, bis hierhin, aber nicht weiter.

Auch wenn ich mal behauptet habe, der Schreibstoff würde nicht ausgehen, da die Unendlichkeit in jedem kleinen Krümel Hausputz stecken würde, hatte ich bald das Gefühl, alles über Eisenhüttenstadt gesagt und geschrieben und jeden Winkel der Stadt aus allen Winkeln der Stadt fotografiert zu haben. Langsam wurde ich des Themas müde, meine Aufmerksamkeit verschob sich mehr zu anderen Dingen. Mehr als einmal habe ich alles hingeschmissen, das erste Mal schon ein Jahr nach Gründung des Log-/Lobbuches. Mittlerweile erscheint mir Eisenhüttenstadt ferner als Kafiristan, Baktrien oder Trapezunt; ferner interessieren mich mittlerweile andere Planstädte viel eher, da sie neue ästhetische Reize bieten. Im März 2010 weilte ich das erste Mal in Neuruppin und Neustrelitz, zwei geplante Hausansammlungen. Die eine klassizistisch, die andere eine barocke Stadtanlage. Wenn man im seltsam schönen Neustrelitz vom Kirchturm herunterschaut, dann bietet sich einem übrigens dieser schicke Kreisverkehr auf dem Foto oben dar.

Um es kurz zu machen: Eisenhüttenstadt! Es war eine schöne Zeit, es ist eine schwere Zeit und es wird langsam Zeit, Abschied zu nehmen. Ich mache es der Tunnelstraße gleich und verschwinde von hier. Tschüs Ben! Tschüs Leser! Tschüs Hütte, altes Haus! Vielleicht mache ich demnächst ein Blog über "Pornografie und Grammatik in Afghanistan" oder "Heilserwartungen in Ernährungsfragen" oder "Die Novalis-Rezeption im Jamaica-Reggae" oder anderen kulturwissenschaftlichen Unsinn. Vielleicht aber auch nicht. Mein Tipp: Schaltet bis dahin die Rechner aus und begebt euch zur Abwechselung an die frische Luft! Fahrt nach Neuhardenberg und Neubrandenburg, nach Bad Freienwalde und Bernau! Besucht die Reuterstadt, die Fontanestadt oder die Kleiststadt! Raus mit euch! Adé!

Foto: Alessandro Minutoli

Dienstag, 8. Dezember 2009

Apokalypsenau - alles aussteigen!


Neulich kam ich von einer Weihnachtsfeier und war von Glühwein und Lebkuchengewürzen so high, dass ich prompt den falschen ICE bestieg. Ich ermüdete und erwachte erst am Endhalt in Apokalypsenau, Hauptstadt der Zwergrepublik Mucosilvanien. Die liegt mitten im Gebirge an der gemeinsamen Grenze von Belgien und Österreich.

Schon mal hier, schaue ich mich doch gleich ein wenig um, dachte ich. Wobei ich gestehen muss, dass ich gar nicht so schnell wieder weggekonnt hätte, selbst wenn ich wollte. Die Mucosilvaner Berg- und Talbahn (MBT) soll nächstes Jahr an die Börse. Aus diesem Grund fährt die Bahn nur montags, um die Bremsen und Radachsen zu schonen. Kann man sich nicht vorstellen, ist aber so.

Die Mucosilvanier sind ein stolzes Volk, weil sie den direkten Sprung von der Schnurkeramik- zur Glockenbecherkultur geschafft haben. Dieser Stolz verbindet sie mit den Nussknackermenschen im Erzgebirge. Die Mucosilvanier sind ultrasympathisch. Kennste einen, kennste alle.

In Apokalypsenau war ordentlich was los, denn auch der Zwergenstaat war von der weltweiten Krise betroffen und völlig pleite. Man hatte sich gerade eine neue Regierung gewählt. Mit beispielloser Mehrheit kamen dabei die Schuldigen der Finanzkrise an die Macht. Ein Apokalypso (so nennt man hier die Hauptstädter) hat mir das so erklärt: "Die habens eingebrockt, die müssens auslöffeln." Zumal die einzig relevante Oppositionspartei in ihrem Wahlprogramm damit geworben hatte, die Krise und Staatsschulden einfach zu verbieten.

Die neue Regierung kündigte sogleich ein groß angelegtes Konjunkturprogramm an. Jeder, der ein Auto kauft, soll einen Zweitwagen geschenkt bekommen. Bei Gebrauchtwagen gibt es ein Fahrrad, denn die Regierung ist am Umweltschutz interessiert. Jede Woche fliegt der neue Umweltminister zu irgendeiner Klimaschutzkonferenz, die sich der Reinhaltung der Atmosphäre widmet. Auch werden alle Autobahnen und öffentlichen Gebäude des Nachts mit Strahlern ausgeleuchtet, um den Verbrauch von Ökostrom zu fördern.


Der frisch gekürte Finanzminister Leopold Tesoro war so findig, die Staatsschulden eins zu eins in Staatsvermögen zu verwandeln, indem er das Minuszeichen mit einem senkrechten Strich überzeichnete. So viel Geld hatte es nie zuvor gegeben! (Der Begriff "Überzeichnen" kommt übrigens aus der Börsensprache und meint das nachträgliche Ändern des Wertes einer Aktie.) Mit dem Guthaben gründete man einen Bankenrettungsfond, denn Apokalypsenau ist als internationales Finanzzentrum von einiger Bedeutung. Die eine Hälfte des Fonds wurde für Hochglanzbroschüren und bedruckte Tassen aufgewendet, um die Bevölkerung zu informieren. Die andere Hälfte floss unmittelbar an die Bankenmanager, denn die wissen bekanntlich, wo das Geld fehlt.

Zum wichtigsten Leitstern der neuen Regierung wurde das Gleichheitsprinzip erklärt. Alle Mucosilvanier sollen gleiche Voraussetzungen bekommen. Ab Januar 2010 werden alle, ob arm ob reich, ob Mann ob Frau, den gleichen Betrag in die Kranken-, Renten- und Sozialkassen einzahlen. "Wir müssen uns mehr am Markt orientieren und von seinen liberalen Gesetzen lernen", erklärte Premierminister Franco Bollo in seiner Sonntagsansprache. "Auf dem Markt bezahlt ja auch jeder unabhängig von seiner Herkunft denselben Preis für ein halbes Brot, einen Liter Milch oder eine Flasche Doppelkorn. Dieses gerechte Prinzip muss sich in den Sozialausgaben wiederfinden."

Um die Stimmung in der Bevölkerung zu heben und um auch die letzten Kritiker zu überzeugen, wurde der Freitag zum verkaufsoffenen Feiertag erklärt. Das Wochenende hat damit drei Tage und bringt eine ganz neue Partykultur mit sich. Das alles klingt so vielversprechend, dass ich beschlossen habe, demnächst dorthin zu ziehen. Und tschüss!

ps: Mein behandelnder Arzt meinte, ich hätte die Schweinegrippe und Fieberfanstasien. "Mucosilvanien" würde genausowenig existieren wie "Apokalypsenau". Woher habe ich denn sonst die Fotos? Bilder lügen nicht. Doch yahoogelt es selbst, das Netz lügt ebensowenig. Ich vertraue auf die Vernunft des Lesers, denn der Leser bin ich.

Fotos: Peep Durple

Dienstag, 12. Juni 2007

Ferienzeit Ferienzeit

Die lieben Kleinen können sie kaum noch erwarten, doch in genau einem Monat ist es endlich soweit: Dann herrscht in Brandenburg Ferienzeit. Quasi zwei Monate Sommer, Sonne, Müggelsee oder Berg und Tal oder Rügen und Aal. Der eine oder andere Dreikäsehoch wird Oma und Opa auf dem Lande besuchen und auf deren Bauernhof mit den Hühnern Cowboy und Indianer spielen. Andere fahren mit den nervigen Eltern nach Mallorca, Mauritius oder auf die Malediven. Den Kindern sozioökonomisch weniger gut gestellter Eltern bleibt vielleicht nur die Wahl zwischen Balkan oder Balkon; was aber nicht weniger schön sein muss, zumal die Malediven die Inseln der übellaunigen Göttinnen sein müssen (mal = schlecht / Diven = Göttinnen).

Egal, wohin die Reise auch geht, ob in die große weite Ferne oder in die Innere Murkelei, am Ende haben die Kleinen einiges erlebt und vieles zu erzählen. Stoff also für den typischen Schulaufsatz "Mein schönstes Ferienerlebnis". Nachfolgend gibt es, zur Einstimmung auf die bevorstehende Auszeit, einen Kurzaufsatz* eines mir unbekannten Eisenhüttenstädter Jungen, der weder mit mir verschwistert noch verbrüdert ist. (* Der Aufsatz erscheint eins zu eins mit allen im Original enthaltenen orthografischen Fehlern, um dem geneigten Leser das kindliche Denken sowohl inhaltlich als auch formell nahe zu bringen.)

Ferienzeit
In den Ferien kann man allerhand unternehmen. das Wetter war herrlich und zum Baden war ess große klasse. Von früh bis abends konnte man sich im Wasser tummeln. Wir hatten Viel Spaß. Manche spielten Wasserball, seegelten und fuhren Boot. esgab auch manchmal zank und streit. aber schnell haben wir uns wieder versönt. Schell wurden Freundschaften geschlossen. Das war ein schönes Erlebnis. Abends fielen wir in den Fernseseles.


Repro: Andi Leser
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