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Mittwoch, 10. November 2010

Romantisch verklärte Heimwehen


"Wie traurig geht dahin, wer euch verlässt, bei denen er aufwuchs! Selbst wer aus freier Wahl, sein Glück zu suchen, voll Hoffnung seinen Schritt ins Ferne lenkt, fühlt, wie sein Traum verblasst in solcher Stunde. Ihn wundert dann sein Entschluss. Schwermütig und zerstreut gelangt er in den Lärm der Städte mit ihren Häusern neben Häusern und Straßen neben Straßen. Ihm ist dann, als nähmen sie die Luft zum Atmen. Vor den Gebäuden, die er anstaunt, denkt er mit Sehnsucht an die Heimatflur, das kleine Haus, das lang schon ihn lockt und das er kaufen wird, wenn er einmal reich wiederkehren wird in seine Berge."

(Alessandro Manzoni: Die Verlobten)

Freitag, 17. April 2009

Time To Bild


"It takes a second to wreck it / It takes time to build"
(Beastie Boys)


Es gibt da so Menschen – zum Beispiel mich –, die würden die Bild-Zeitung niemals als Zeitung, also als Quelle einer Nachricht, betrachten und schon gar kein Wort darüber verlieren, da auch jedes noch so schlechte Wort dennoch gute Werbung bedeutet. Und dann gibt es da so Leute – wie meinen Blognachbar Ben –, die tuen das tun. Ein Eisenhütten-Stadtartikel war der plausible Grund dafür: EINE STADT STIRBT. Es ist bemerkenswert, was dem findigen Burschen dabei so auf- und eingefallen ist. Nachlesen kann man das hier (Link).

Viehisch gefreut habe ich mich an dem Eintrag über Bens mir genehme Rechtschreibreform des Focus-Slogans "Fakten, Fakten, Fakten – und immer ‘Andi Leser’ denken!" Wobei ich gestehen muss, dass mir die verbal-hornte Version der Titanic da noch besser gefallen würde: “Ficken, ficken, ficken – und dabei ‘Andi Leser’ denken!” Doch pubertärer Humor beiseite, für solcherlei Zoten bin ich noch zu jung.

Zurück zum BLATT. Wie oben gesagt würde ich dieses BLATT niemals als Quelle von Nachrichten ansehen (“Unglaublich: Junges Mädchen (13) angefahren und dann vergewaltigt!”). Wer das BLATT kauft, ist entweder gehirntechnisch benachteiligt (“Die schreim wenigstens die Warheit über die Politicker da om!”) oder aber will wissen, was drinsteht, weil das BLATT von einer Menge gehirntechnisch benachteiligter Menschen gelesen wird, was immerhin eine gewisse Bildungsmacht bedeutet. Helmut Kohl konnte ja bekanntlich ganz gut mit dem BLATT. Würde morgen in dem BLATT stehen, Andi Leser hat ein Logbuch, dann würden Tausende Pappnasen bei mir reinklicken und sich über die kleine Schrift ärgern. Wer braucht das? Ick nich!

Man kann die BILD aber auch als dadaistisches Kunstprodukt betrachten, die uns mit ihren Tagesschlagzeilen schon beim Bäcker über die Unvernünftigkeit der Welt aufklärt. Während die anderen Zeitungen, die Regierung, die Schule, die Eltern, die Firma die ganze Zeit über so tun, als lebe die Menschheit in Gott-gegebener Vernunft und gehe stets rational vor, beweist ein Blick auf die Tagesschlagzeile, dass der Mensch immer noch mehr Affe ist als irgendein Affe (Nietzsche) und die Welt ein Irrenhaus: “Russenmafia verkauft Hitlerschädel an UFO-Sekte”, “Unglaublich: Wissenschaftler entdecken King-Kong” oder “Verrückt: Steuerzahler finanziert Neuwagenkäufer”.

Mehr so Zeugs gibt es hier: www.twitter.com/andileser

Donnerstag, 4. Dezember 2008

Berufung

"Ist der Beruf erst ruiniert,
lebt es sich ganz ungeniert."

(J. F. Mamjjasond)

Mittwoch, 3. Dezember 2008

Selbstgespräche bloggen

"Bloggen ist wie Selbstgespräche führen, nur mit dem Unterschied, dass man sich dabei nicht selber zuhören muss."

(J. F. Mamjjasond)

Dienstag, 2. Dezember 2008

Alter Schweder

"Bloggen ist wie Masturbieren. Man kann die lyrischsten Ergüsse haben, doch keine Votze kriegt’s mit."

Diese – zugegebenermaßen – recht harsche Aussage stammt nicht von mir, sondern von dem von mir erfundenen skandinavischen Medienphilosophen J. F. Mamjjasond. Justus Frederik Mamjjasond ist Herausgeber des schwer verdaulichen Magazins DER DARMSPIEGEL und gilt gemeinsam mit Hermann Schnulze-Sandwich als Begründer der Völlerei- und Rafinessenbanken.

Das Logbuch Stahlinstadt kann sich glücklich schätzen, seinem einzigen Leser einige Serviettennotizen aus der Hand des J. F. Mamjjasond präsentieren- und pflanzen zu dürfen. Mamjjasond, halb Schwede, halb Norweger, halb Däne, wird uns mit seinen Weisheiten adventskalendarisch bis zum Weihnachtsabend beglücken.

Samstag, 29. November 2008

Tischvergiftung

"Tischvergiftung erkennt man am Stuhl."

(J. F. Mamjjasond)

Freitag, 30. Mai 2008

Dagstur nach Eisenhüttenstadt


Jüngst hatte Berlinblogger.no die Eisenhüttenstadt besucht und über den Stadtbesuch einen Blogeintrag verfasst, auf Norwegisch. Der Eintrag stammt übrigens vom 27. Mai, einem Dienstag, an dem ich selbst mit einer Gruppe amerikanischer Studenten aus St. Louis (und nicht St. Lois!) in der Stahlinstadt unterwegs war. Vielleicht sind wir sogar aneinander vorbeigelaufen? Gott allein weiß es. Jedenfalls ist die Stadt immer wieder einen Ausflug wert, nur die Bürger selbst haben es noch immer nicht kapiert (Stichwort: Stadtmarketing & Souvenirs).

Den ersten Absatz des Blogeintrags hatte ich bereits gestern ins Deutsche übertragen. Da mir Berlinblogger.no freundlicherweise die Erlaubnis erteilt hat, auch den Rest des Eintrags zu übersetzen, folgt heute das Gesamtkunstwerk in sechs Absätzen:

1. Wenn du den Zug nimmst, der Berlin alle halbe Stunde in südöstlicher Richtung verlässt, gelangst du an den Oderfluss an der Grenze zu Polen. Hier gibt es eine besondere und interessante Stadt, die Eisenhüttenstadt heißt. Es ist eine sozialistische Idealstadt, die in den 50er und 60er Jahren errichtet wurde. Im Großen und Ganzen sieht sie noch so aus wie vor dem Mauerfall von 1989.

2. Der Name bedeutet "Schmelzhüttenstadt". Er leitet sich vom parallel errichteten Stahlwerk ab, welches die Hauptarbeitsstätte der Bewohner war. Bis 1961 hieß die stadt Stalinstadt. Zu diesem Zeitpunkt wurden ältere Ortschaften eingemeindet und der neue Name der "Metropole" mit einer Einwohnerzahl von 40.000 lautete Eisenhüttenstadt.

3. Die Architektur war anfänglich typischer Klassizismus der Stalinepoche, vergleichbar mit der Karl-Marx-Allee in Berlin. Ab den sechziger Jahren wurden wie überall in der DDR eine Reihe von Plattenbauten hochgezogen. Der Stadtplaner Kurt Walter Leucht bestimmte das Design der Stadt.

4. Obwohl das Stahlwerk seit langem privatisiert und rationalisiert wurde, obwohl sich selbst Burger King in der Hauptstraße angesiedelt hat, gibt die Stadt immer noch einen seltsamen, interessanten und vermutlich auch etwas wehmütigen Blick frei auf eine Welt, die wohl nicht so geworden ist, wie man einst dachte, dass sie werden würde.

5. Die Stadt wurde mit Hauptaugenmerk auf Weh und Wohl der Arbeiter in einer kommunistischen Idealstadt erbaut, und das spiegelt sich in der Architektur und der Planung wider. Straße und Plätze sind mit mehr oder weniger ideologisch konformen Skulpturen geschmückt. In der Stadt gab es bis 1990 keine Kirche.*

6. In Eisenhüttenstadt befindet sich passenderweise das Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR, welches die Alltagskultur in der ehemaligen DDR dokumentiert.

Danke für den Text und die Erlaubnis zur Übersetzung, lieber Berlinblogger.no. Tack så hemskt mycket!

* Halt, das stimmt nicht, denn es hat von Anbeginn eine Kirchengemeinde gegeben, das Gemeindezentrum wurde 1981 eingeweiht. Allerdings hatte es die Kirchengemeinde wie allerorten in der DDR nicht so einfach.

Freitag, 1. Februar 2008

Wie geht's?


"Auf die Frage: Wie geht's? kann man mit voller Kraft antworten: Einfach prachtvoll, ich hab mir heute einen neuen Hut gekauft. Und ein ganzes Land kann sich, wenn es darauf ankommt, neue Straßen bauen oder ganz neue Städte mit Palästen und Fußgängerzonen, kann sich neue Automobile beschaffen, die die neuen Straßen verschönern. Und die Zeitungen lässt man schreiben: Uns geht es gut, das sieht man doch. Wir haben gerade eine neue Stadt fertig! Man muss das alles nur einigermaßen oft wiederholen, je öfter, desto besser, und es wird Erfolg haben, sogar auf die Dauer. Sobald die anderen einem glauben, ist man sehr geneigt, sich selbst zu glauben, und das ist schließlich der Zweck."

Diese Zeilen stammen nicht von mir, sondern vom Schriftsteller Ulrich Plenzdorf, aus seiner "Legende vom Glück ohne Ende", verfilmt und berühmt geworden als wohl beliebteste Liebesgeschichte der DDR: "Die Legende von Paul und Paula". Man kann nur spekulieren, auf welche Bautätigkeiten sich dieses mit kritischem Unterton beladene Zitat bezieht, denn Namen werden nicht genannt. Meinte der Erzähler Eisenhüttenstadt? Schwedt? Oder Hoyerswerda? Das Wort "Paläste" erinnert zumindest an die Arbeiterpaläste in Stalinstadt und der Berliner Stalinallee. Klar ist lediglich, dass die Handlung in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg angesiedelt ist, vermutlich zu Beginn der sechziger Jahre, denn da konnte man noch ungehindert nach Westberlin fahren, wie Paul in dem Buch.

Die Geschichte von Paul und Paula selbst spielte sich in Ostberlin ab, genauer in der Singerstraße im Friedrichshain. In dieser Straße stehen sich alt und neu baulich gegenüber: auf der einen Seite Altbauten, die gerade erst den Krieg überdauert haben und nun auf den volkseigenen Abriss warten. Da wohnt Paula mit ihrer Tochter. Auf der gegenüber liegenden Seite stehen bereits moderne Neubauten. Da wohnt Paul mit seiner Frau. Im Film ist das schön zu erkennen, schmutzige aber heimelige Häuser hier, helle aber unsympathische Plattenbauten dort.

Auf unsere Stadt bezogen könnte man sich da so ein Areal vorstellen wie dort, wo Fürstenberg an den VII. Wohnkomplex heranreicht. Die Fischerstraße vielleicht oder die Gubener oder auch die Platanenallee. In den Achtzigern mussten dort einige Altbauten in die saure Abrissbirne beißen, weil der Plan das so vorsah.

Ich selbst entsinne mich, an einem Sonntagnachmittag auf dem Dach eines dem Abbruch geweihten Mehrfamilienhauses in der Gubener herumgeturnt zu sein. Mit kindlicher Freude an der erlaubten Zerstörung entfernte ich von einem Schornstein die Ziegelsteine, um sie sogleich durch den senkrechten Schacht zu entsorgen. Der abwärts rasende Stein erinnerte mich an eine Rohrpost, das Geräusch dazu war ein dumpfer, erdiger Ton. Manche Steine verkanteten sich beim Anecken innerhalb des Schornsteins und blieben auf halber Höhe stecken. Ich musste nachhelfen, indem ich einen weiteren Stein hinterher sandte. Dann verdoppelte sich das Geräusch. Wenige Wochen später war der Schornstein samt Haus verschwunden, plattgemacht.

Heute nun müssen diejenigen Häuser, die damals in den Achtzigern errichtet wurden, vom Erdboden verschwinden. Ebenso von der Erde verschwunden ist der Autor Ulrich Plenzdorf, der uns noch weitere Klassiker wie "Die neuen Leiden des jungen W." oder kein "kein runter kein fern" hinterlassen hat. Plenzdorf ist leider im August 2007 verstorben. Damit er nicht auch aus dem Gedächtnis verschwindet, schrieb ich diesen Text und empfehle hiermit die erwähnten Bücher zur Lektüre.