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Dienstag, 3. April 2012

Der Islam gehört zu Deutschland ...


... sagte einst ein deutscher Bundespräsident. Der Bundespräsident ist inzwischen zurückgetreten, der Islam hingegen weiter vorgedrungen. Mittlerweile sind Islam und Tschador in der Mitte Deutschlands angekommen und somit auch in Eisenhüttenstadt, wie die beiden Fotos vom März 2012 beweisen.

As-salām alaikum, der Friede sei mit dir!

Montag, 18. Mai 2009

Kasernenstadt mit Ornamenten


Just als ich mich an Fotografien vergangener Hüttenstadtbegehungen ergötzte und in Gedanken diese Wege erneut beschritt, fing auch schon Ben, wortgewandter Haudegen aus dem Nachbarblog, meinen Gedankengang telepathisch auf und erwiderte diesen telefonisch. Sogleich wurde ein Gipfeltreffen am selbigen Tage vereinbart, um bei einem sonntäglichen Spaziergang die alternative Stadtwahrnehmung zu schärfen. Anscheinend war die akute Telefonitis ausgebrochen, denn im Anschluss meldete sich der nächste Zeitgenosse, den ich analog zu meinem Namen mit Andi Presse aus Bad Freienwalde anonymisieren möchte.

Als Andi andeutete, er sei noch nie in Stahlinstadt gewesen, war eine Idee geboren. Warum nicht beide Telefonate miteinander kombinieren und Andi Presse mit auf Tour nehmen? Nun hatten wir einen Probanden, der unvorbelastet unbekanntes Terrain beschreiten konnte!

Am Bahnhof empfing uns Ben als Chauffeur und die erste Verwunderung. Der Bahnhof sehe so alt und heruntergekommen aus, meinte unsere Testperson. “Das ist ja auch noch nicht Eisenhüttenstadt!” Ben startete seine Zeitmaschine und fuhr uns durch die Architekturgeschichte der achtziger (VII. Wohnkomplex) und siebziger (VI. WK) direkt in die fünfziger Jahre, ins Herz der Stadt, wo er auf dem Zentralen Platz parkte. Dann ging es per pedes weiter.

Um den geneigten Leser nicht mit all zu vielen Details zu martern, die mir zwar wichtig, dem Unbeteiligten jedoch nur nichtig scheinen, straffe ich ab hier ein wenig. Wir bestaunten die Sanierungen in der Heinrich-Heine-Allee, deren Erker Motive aus den Märchen des jung gestorbenen und von mir sehr geschätzten Wilhelm Hauff zeigen (Der kleine Muck, Kalif Storch). Wir ersannen angesichts des verfallenden Ledigenwohnheims das Konzept eines Bordelphinariums, in dem sich Richards Nixen tummeln. Wir suchten das DDR-Museum auf, aus dessen Eingang unbegreiflicherweise mein Vater höchstselbst wie ein Deus ex machina herausschnellte, um zu verkünden, dass es heute keinen Eintritt koste, da Tag des offenen Museums sei. Wir erkundeten den V. Wohnkomplex, der den Eindruck machte, als sei er am Abreißbrett entstanden und bestiegen der romantischen Neigung der Deutschen folgend dort sogleich eine Hausruine. Merkwürdig, wie beengt die Wohnungen nun wirken, obwohl die Möbel und der ganze Rest fehlen!


Der nächste Zufall wartete vor der Juri-Gagarin-Schule, als Ben mit eigenen Ohren fühlen durfte, dass er gehört wurde, und zwar als Rapper. Ein paar herumhängende Ghettobewohner lauschten einer zehn Jahre alten Produktion des Reimgeschwaders. Der Titel dieser Ausnahme: Hüttenstadt ist meine Stadt. Was für ein Statement! an was für einem Ort!

Zum Abschluss gönnte ich meinen Weggenossen in der weltberühmten Milchbar am Friedrich-Wolf-Theater ein Eis zur Erfrischung. Mein hierbei geäußertes Kompliment, dass die Stadt wohl nur nach diesem Eis benannt worden sein kann, kam bei der Inhaberin nicht als solches an. Das Risiko des Don Juan.

Nach seinem Eindruck zur Stadt befragt, äußerte unser Bad Freienwalder Versuchskaninchen, dass ihn die ganze Stadt in ihrer Bebauung an eine Kaserne erinnere. “Ein wenig eintönig, wären da nicht die vielen Ornamente an den Hauswänden.” Allerdings sei das nicht negativ gemeint, schenkte uns Andi eine Kelle Trost hinterher. Eigentlich hat er sogar recht! Eisenhüttenstadt, die Stadt der kasernierten Volkspolizei. Jedenfalls war Andi Presse voller lebendiger Eindrücke und seine Digicam voller wirkmächtiger Bilder.

O Allmächtiger, der du uns so reichlich beschenkt hast an diesem Tag, gedankt sei dir! Dafür verzeihe ich dir sogar die frühen Tode von Wilhelm Hauff und Novalis. Dir sei vergeben! Gelobt sei der Herr! Hallelujah!

Montag, 13. April 2009

Das reißt nicht ab


Wer an Ostern nach langen Jahren des Exils die Stadt der Städte - Eisenhüttenstadt - besuchen durfte, konnte feststellen, dass nicht nur der VII. Wohnkomplex verschwunden ist, sondern auch der V. WK dem Erdboden gleich gemacht wird. Und das in einer Stadt, die nie einen Krieg erleben musste.

In der Robert-Koch-Straße haben die lieben Bauarbeiter diesen kleinen Dornröschenturm mit provisorischen Einraumwohnungen übrig gelassen. Durch des Frühlings holden belebenden Blick bekommt dieses Foto seine kleinen Farbtupfer. Schöner wird's dadurch im Re4 bzw. im V. Wohnkomplex.

Freitag, 15. September 2006

Konrad Wachsmann zu Besuch:

Konrad Wachsmann, einer der bedeutendsten Architekten des modernen Bauens, in Frankfurt an der Oder geboren und seit der Verfolgung der Juden durch die Nationalsozialisten überwiegend in den USA tätig, weilte 1979 in der DDR. Gemeinsam mit seinem Biografen Michael Grüning besuchte er unter anderem auch die „erste sozialistische Stadt auf deutschem Boden“:

Der Fahrer bremst scharf.
„Was ist?“ fragt Wachsmann und beugt sich vor.
„Wir sind da“, antwortet ihm der Schofför und zeigt auf das Ortseingangsschild von Eisenhüttenstadt.

Der Tatra muß sofort ganz langsam fahren. Wachsmann will alles sehen, Städte vom Reißbrett sind für ihn viel aufregender als die Kathedralen der alten Meister.

„Es sind die wenigen Symbole, denen ich vertraue“, sagt der Professor. „Neue Städte verraten den Zeitgeist ihrer Erbauer. Sie dokumentieren Gegenwartsverständnis und Zukunftserwartung!“

Also rollen wir an Wohnkomplexen, Kaufhallen, Schulen, Kindergärten, einer Klinik und dem Friedrich-Wolf-Theater vorbei.

(…)

Der Tatra rollt weiter. Abseits der Hauptstraßen wird die Stadt gleichförmig. Überall dieselben Häuserblocks. Über die Architektur verliert Wachsmann kein Wort, er will nur erfahren, wieviel Menschen hier leben. Wir wissen es nicht, müssen schätzen, einigen uns auf fünfzigtausend bis sechzigtausend. Das überrascht den Professor. „Gibt es unter so vielen Menschen keine Christen oder Juden?“ fragt er erstaunt.

„Sicher wird es sie geben. Aber warum diese Frage?“ erkundigen wir uns.

„Ich habe nicht einen einzigen Sakralbau gesehen“, sagt Wachsmann. „Städte ohne Kirchen sind so langweilig wie Städte ohne Bäume, Parks, Theater und Restaurants. Außerdem sind neue Sakralbauten die weiteste Offenbarung der Architektur. Denken Sie nur an Le Corbusiers Ronchamp!“

Wachsmann zeigt auf einige Häuser, an denen wir vorüberfahren. „Ihnen sieht man nicht an, daß es in diesem Land einen Gropius, Mies [van der Rohe], Hannes Meyer oder Hilberseimer gab.“ Der Professor sieht traurig aus dem Fenster. „Davon habe ich immer geträumt: einmal eine ganze Stadt bauen.

Wir müssen weiter. Die Zeit drängt, Neuzelle ist noch zu besichtigen, die Kirche eines alten Zisterzienserklosters. Wachsmann döst im Auto, sein Kopf auf dem Polster des Rücksitzes kippt zur Seite. Er schläft, bis wir vor der Kirche halten.


Quelle: Michael Grüning, Der Wachsmann-Report. Auskünfte eines Architekten, Berlin: 1986, S. 151 – 153.