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Sonntag, 25. Oktober 2009

Wo Licht auch Schatten


Nicht vergessen, in Eisenhüttenstadt brechen neuen Zeiten an. Heute Nacht wurde die Uhr um eine Stunde zurückgestellt. Es gilt die Regel: Spring forward, fall back. Capito? spring = Frühling, fall = Herbst.

Donnerstag, 6. August 2009

Seid vernünftig, wählt mich: Ich Kandidat!

Am 27. September finden in Stahlinstadt wieder einmal die traditionellen Bürgermeisterqualen statt, bei denen der amtierende Bürgemeister auf liebevolle Art geteert und gefedert aus dem Stadtkreis gejagt wird. Und während das ehemalige Stadtoberhaupt als gefiederter Freund durchs umliegende Unterholz stolpert, nistet sich sein Nachfolger auf dem vorgewärmten Thron ein. Für diesen Nachfolger hätte ich schon einen Kandidaten: MICH!

Ik kann di datt förklarn, min Jung. Die Gründe für diese Edel-Auslese sind ganz einfach: Ich bin einfach der beste Mensch, den ich kenne. Oftmals bin ich regelrecht überwältigt, wenn ich sehe, mit welcher Bravour ich die Fährnisse des täglichen Da- und wieder Wegseins meistere. Beim allabendlichen Einschlafen überfluten mich ozeanische Wogen des Wohlbefindens, weil ich weiß, dass ich wieder mit mir selbst Aufwachen darf. Doch einscheidet selbst:

Wer wird die Arbeitshosenquote in Stahlinstadt auf unter vier Millionen drücken?
Mich.

Wer hat die Freilichtbühne in Feierabendtätigkeit aufgebaut?
Mich.

Wem hat die Stadt die Papierfabrik zu verdanken?
Mich.

Wer hat die Stadt so schön begrünt?
Mich.

Wen wählt ihr?
Mich.

Seid vernünftig und wählt am 27. September 2009 Andi Leser zum Eisernen Heinrich von Eisenhüttenstadt und zum Fürsten von Fürstenberg (Oder)!

~

Es folgt nun ein Aufruf außerhalb meiner redaktionellen Verantwortung, den ich dem benachbarten EH-Blog entnommen habe:

[Beginn der Durchsage]

Liebe Eisenhüttenstädter,

wir sind zehn Journalisten und werden sieben Wochen vor der Bundestagswahl mit einer fahrenden Redaktion durch Deutschland touren und aus verschiedenen Städten berichten.


Unsere 1. Station wird Eisenhüttenstadt sein. Unsere fahrende Redaktion wird vom 10.-12. August in Eisenhüttenstadt in der Lindenallee in Höhe Haus Nr. 15. stehen und tagsüber immer besetzt sein.

Kommt vorbei oder mailt uns vorher, was Eisenhüttenstadt bewegt. Was nervt euch? Worüber sollte mal berichtet werden? [Andi Leser erwähnen!] Was ist toll an eurer Stadt? [Meinen Namen nennen!]

Wir freuen uns auf euch und hier noch einige Infos über unser Projekt:

Was ist die Wahlfahrt09?

Hinter Wahlfahrt09 verbirgt sich ein mobiles Journalistenbüro. In der heißen Bundestags-Wahlkampfphase von Mitte August bis 27. September wollen wir mit dem Wohnwagen durch Deutschland fahren und quer zur üblichen Berichterstattung den deutschen Puls messen. Wir recherchieren experimentell, indem wir an zentralen Plätzen von Kommunen und Städten parken und buchstäblich auf der Straße recherchieren. Auf unserer Webseite www.wahlfahrt09.de berichten wir ab Mitte August multimedial über die Geschichten, die den Menschen wichtig sind. Die dpa-Infocom und Spiegel Online werden regelmäßig Beiträge von uns veröffentlichen.

Einen ersten Eindruck vom Projekt bekommt Ihr auf unserer vorläufigen Website. Hier könnt Ihr uns gerne Vorschläge für Orte machen, uns Geschichten erzählen, die es sonst nicht in die Medien schaffen, von Menschen berichten, die Ihr interessant findet und die man einmal besuchen sollte: www.wahlfahrt09.de

Folgt uns auch auf Twitter unter: www.twitter.com/wahlfahrt09 Wir haben auch eine Gruppe bei Facebook. Wenn unsere Idee Euch gefällt, verbreitet uns bitte weiter: http://www.facebook.com/home.php?ref=home#/group.php?gid=94696963326&ref=ts

Liebe Grüße nach Eisenhüttenstadt von Kathleen im Namen der Wahlfahrt-Crew!

[/Ende der Durchsage]

Montag, 18. Mai 2009

Kasernenstadt mit Ornamenten


Just als ich mich an Fotografien vergangener Hüttenstadtbegehungen ergötzte und in Gedanken diese Wege erneut beschritt, fing auch schon Ben, wortgewandter Haudegen aus dem Nachbarblog, meinen Gedankengang telepathisch auf und erwiderte diesen telefonisch. Sogleich wurde ein Gipfeltreffen am selbigen Tage vereinbart, um bei einem sonntäglichen Spaziergang die alternative Stadtwahrnehmung zu schärfen. Anscheinend war die akute Telefonitis ausgebrochen, denn im Anschluss meldete sich der nächste Zeitgenosse, den ich analog zu meinem Namen mit Andi Presse aus Bad Freienwalde anonymisieren möchte.

Als Andi andeutete, er sei noch nie in Stahlinstadt gewesen, war eine Idee geboren. Warum nicht beide Telefonate miteinander kombinieren und Andi Presse mit auf Tour nehmen? Nun hatten wir einen Probanden, der unvorbelastet unbekanntes Terrain beschreiten konnte!

Am Bahnhof empfing uns Ben als Chauffeur und die erste Verwunderung. Der Bahnhof sehe so alt und heruntergekommen aus, meinte unsere Testperson. “Das ist ja auch noch nicht Eisenhüttenstadt!” Ben startete seine Zeitmaschine und fuhr uns durch die Architekturgeschichte der achtziger (VII. Wohnkomplex) und siebziger (VI. WK) direkt in die fünfziger Jahre, ins Herz der Stadt, wo er auf dem Zentralen Platz parkte. Dann ging es per pedes weiter.

Um den geneigten Leser nicht mit all zu vielen Details zu martern, die mir zwar wichtig, dem Unbeteiligten jedoch nur nichtig scheinen, straffe ich ab hier ein wenig. Wir bestaunten die Sanierungen in der Heinrich-Heine-Allee, deren Erker Motive aus den Märchen des jung gestorbenen und von mir sehr geschätzten Wilhelm Hauff zeigen (Der kleine Muck, Kalif Storch). Wir ersannen angesichts des verfallenden Ledigenwohnheims das Konzept eines Bordelphinariums, in dem sich Richards Nixen tummeln. Wir suchten das DDR-Museum auf, aus dessen Eingang unbegreiflicherweise mein Vater höchstselbst wie ein Deus ex machina herausschnellte, um zu verkünden, dass es heute keinen Eintritt koste, da Tag des offenen Museums sei. Wir erkundeten den V. Wohnkomplex, der den Eindruck machte, als sei er am Abreißbrett entstanden und bestiegen der romantischen Neigung der Deutschen folgend dort sogleich eine Hausruine. Merkwürdig, wie beengt die Wohnungen nun wirken, obwohl die Möbel und der ganze Rest fehlen!


Der nächste Zufall wartete vor der Juri-Gagarin-Schule, als Ben mit eigenen Ohren fühlen durfte, dass er gehört wurde, und zwar als Rapper. Ein paar herumhängende Ghettobewohner lauschten einer zehn Jahre alten Produktion des Reimgeschwaders. Der Titel dieser Ausnahme: Hüttenstadt ist meine Stadt. Was für ein Statement! an was für einem Ort!

Zum Abschluss gönnte ich meinen Weggenossen in der weltberühmten Milchbar am Friedrich-Wolf-Theater ein Eis zur Erfrischung. Mein hierbei geäußertes Kompliment, dass die Stadt wohl nur nach diesem Eis benannt worden sein kann, kam bei der Inhaberin nicht als solches an. Das Risiko des Don Juan.

Nach seinem Eindruck zur Stadt befragt, äußerte unser Bad Freienwalder Versuchskaninchen, dass ihn die ganze Stadt in ihrer Bebauung an eine Kaserne erinnere. “Ein wenig eintönig, wären da nicht die vielen Ornamente an den Hauswänden.” Allerdings sei das nicht negativ gemeint, schenkte uns Andi eine Kelle Trost hinterher. Eigentlich hat er sogar recht! Eisenhüttenstadt, die Stadt der kasernierten Volkspolizei. Jedenfalls war Andi Presse voller lebendiger Eindrücke und seine Digicam voller wirkmächtiger Bilder.

O Allmächtiger, der du uns so reichlich beschenkt hast an diesem Tag, gedankt sei dir! Dafür verzeihe ich dir sogar die frühen Tode von Wilhelm Hauff und Novalis. Dir sei vergeben! Gelobt sei der Herr! Hallelujah!

Mittwoch, 4. Februar 2009

Heute schon am Morgen denken

"Wissen der Zukunft"
ANDYKLOPÄDIE GmbH & Co. KG
Straße des 11. September 2001 12
98765 Musterhusen

Herrn
Andi Leser
Lin Den Alley 18a
12345 Stahlinstadt


Sehr geehrter Herr Leser,

kommt Ihnen diese Situation nicht auch bekannt vor? Sie sitzen mit Freunden beisammen und geraten plötzlich in einen handfesten Streit, weil Sie nicht genau wissen, welche Mannschaft 2014 Fußball-Weltmeister geworden ist. Oder Ihre Kinder fragen Sie, wer 2018 der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika sein wird. Oder Ihre Arbeitskollegen wollen erfahren, wann die nächste Finanzkrise die Weltwirtschaft bedroht.

Ab heute braucht es dafür keine Astrologie, kein Aus-der-Hand-lesen oder Stochern im Kaffeesatz mehr: Der Klügere schlägt nach!

Unsere vorläufig auf 2000 Bände konzipierte und reich illustrierte Enzyklopädie "Wissen der Zukunft" versorgt Sie mit allem Wissen rund um den Kosmos. Jedes Thema wird ausführlich erklärt und ist anschaulich bebildert. In einem separaten Teil werden die Lottozahlen des anstehenden Jahres übersichtlich aufgelistet. Und das alles zu einem sagenhaft günstigen Preis! Für nur 149,00 Euro monatlich bekommen Sie jeweils eine Ausgabe auf dem Postweg zugesandt. Bis an Ihr Lebensende und darüber hinaus – versprochen!

Und nicht nur das! Die ersten fünfzig Einsender erhalten ein Bücherregal gratis! Und ein Schrauberzieher-Set gleich noch dazu, und zwar geschenkt!

"Wissen der Zukunft" ist die Zukunft des Wissens! Die Kenntnis der Zukunft verschafft Ihnen einen unschätzbaren Vorteil, sowohl in Ihrem beruflichen als auch in Ihrem übrigen Leben! Bestellen Sie noch heute und Sie profitieren bereits morgen vom Wissen von Übermorgen!

So einfach geht’s: Füllen Sie hierzu den beigelegten Bestellschein aus und unterschreiben Sie mit Ihrem richtigen Namen. Oder rufen Sie nicht an!

Stahlinstadt im Februar 2009

Mit freundlichen Grüßen

Enzo Clopaedica / Britt Tannika
Future Manager der ANDYKLOPÄDIE GmbH & Co. KG
~

Freitag, 26. September 2008

Lunik soll Laufhaus werden


Wie die Merkwürdige Oderzeitung in einer nicht mehr erhältlichen Ausgabe berichtet, möchte ein Investor das marode Hotel Lunik im Herzen der Stadt sanieren, um daraus Ostdeutschlands größtes Laufhaus zu machen.* Bei dem Investor handelt es sich um die englische Tittenhurst Limited, als Betreiber ist Dietrich Bockshorn aus Hamburg in Erscheinung getreten. Bockshorn leuchten die Augen, wenn er seine Pläne erläutert: "Das Laufhaus wird über drei Etagen gehen. Die Männer kommen über den Haupteingang ins Haus und bezahlen dort ihren Eintritt. Sie können sich innerhalb des Hauses frei bewegen und amüsieren und verlassen dann das Gebäude über den Auspuff."

Der Name der Einrichtung stehe bereits fest: Big Bang. Rund 40 Frauen und auch einige Männer sollen im Laufhaus Arbeit finden. Die Stahlinstädter, vor allem junge Frauen, aber auch alte Vetteln, könnten sich schon mal bewerben, ermuntert Bockshorn. Wichtig sei ein Bewerbungsfoto. "Ein Filmchen, wenn vorhanden, tut es auch."

Allerdings können Betreiber und Investor sich auf einiges gefasst machen, denn die Pläne stoßen quer durch alle Parteigräben auf einhellige Ablehnung. Die großen Volksparteien SPD und CDU befürchten Konkurrenzdruck durch die Zunahme an organisierter Kriminalität. Die in Sachen Prostitution äußerst erfahrene FDP stößt sich an der zentralen Lage des Laufhauses und empfiehlt stattdessen das Bettenhaus im Stadthafenweg zur Nutzung. GRÜNE und LINKE verurteilen die Pläne rundherum als frauenverachtend.

"Wer unsere Frauen gesehen hat – die sind nicht zu verachten!" erwidert Bockshorn, der sich gern als Kiez-König und Prinz von Frauenhausen präsentiert. "Für jeden Geldbeutel wird etwas dabei sein", verspricht er. "Ob Firmenhäupling oder Hartz-IV-Urlauber, hier wird jeder auf seine Kosten kommen. Alltagsprobleme sind danach wie weggeblasen!" Auch abendliche Hausbesuche durch Exzessbriefe verteilende Postituierte seien möglich. Die Tittenhurst Ltd. spricht gar von einem "Heilsamen Etablissement mit überregionaler Ausstrahlung".

Für den Vorsitzenden der Fürstenberger Bürstenvereinigung, den Kartographen Erich Apitz, sind das schäbige Ambitionen: "Wer schon mal in einem Laufhaus war, der weiß, wie streng es dort nach Schweiß und Desinfektionsmittel riecht. Nur testerongeladene Gymnasiasten und heruntergekommen Asoziale stehen dort Schlange."

Stahlinstadts Oberbürgermeister Rainer Werner Uhlenbusch mache sich vor allem Sorgen um den Bestand seiner Einwohnerschaft, teilte sein Sekretarius Bernd Dienst mit. Gerade erst habe sich die durch massiven Wegzüge dezimierte Bevölkerungszahl auf 30.000 stabilisiert, nun drohe im Zuge des geplanten Bordells eine Todesseuche. "AIDS ist noch immer nicht heilbar und die Zahl der an HIV (Hartz-IV) erkrankten Personen in Deutschland nimmt weiter dramatisch zu", machte Bernd Dienst deutlich. Es herrsche also Aufklärungsbedarf.

Eine Nutzung für das leer stehende Lunik müsse jedoch baldigst gefunden werden – auch da sind sich alle Parteivertreter vor der Wahl einig.

* Einige Insider gehen hingegen von einer Ente des Logbuchs Stahlinstadt aus, die darauf abzielt, Neu- und Sexgier zu wecken. Doch das nur am Rande. (Nachtrag: Bitte nehmen Sie auch die Kommentare zu diesem Beitrag zur Kenntnis.)

Foto: Ben Folded-Blind

Montag, 15. September 2008

Freund Blase Trübsal

Unter Freunden ernsthafter Musik ist er seit Jahren ein Unbekannter geblieben: Daniel Trübsal. Als Gründer des Sinnfonie Ohrchesters Stahlinstadt (SOS) wollen vor allem die Liebhaber experimenteller und klassischer Musik nichts von ihm hören. Vergessen sind seine Kompositionen "Schnick schnack schnuck", "Heidschibumbeidschi in D-Moll" oder "Tsching-derassa-bumm". Auch die Tantiemen für die Möbiskruger Ortshymne "Möbis in der Kruge saß und schlief" gehen auf sein Konto. Heute begeht Daniel Trübsal Selbstmord oder seinen 50. Geburtstag. Anlässlich des Jubiläums führt das Friedrich-Wolf-Theater eine einwöchige Retropektive durch.

Dabei hatte es anfänglich nicht gut ausgesehen mit der Karriere des Daniel Trübsal, denn zweimal kam er als Fehlgeburt zur Welt. Vater Hartmut war im Eisenhüttenkombinat beschäftigt und wollte darum, dass sein Sohn unbedingt ein Blechblasinstrument erlernt. Die Wahl fiel aus praktischen Erwägungen heraus auf eine Tuba, da der Sechsjährige dieses Instrument auch noch als Indianerzelt und Kanonenattrappe verwenden konnte.

Doch der junge Trübsal quälte sich mit dem Instrument. Nachbarn und Verwandte gaben Geld, damit er aufhörte zu spielen. Daraus wäre sicherlich eine gute Einnahmequelle erwachsen, wenn Trübsal nicht an Tubakulose erkrankt wäre, einer Berufskrankheit. Nun musste ein Ausweichinstrument her und Guter Rat, die Haushaltszeitschrift der DDR, war schwer zu bekommen. Da der Vater der gerade aufkeimenden Schwulenbewegung feindlich gesonnen war, schied das Blasen der Posaune aufgrund ihres Klangs schon mal aus (diese klang eben nach Po-Sauna). Ebenso das Sacksophon.

Endlich konnte sich der Sohn durchsetzen und ein Holzblasinstrument erlernen. Es war so klar wie der Ton der Klarinette, dass der Blasebalg die Oboe erwählte. Schon bald spielte er die Oboe wie ein junger Fagott. Mühelos kletterte er die Tonleitern rauf und runter und erfand nebenbei neue Goldbergvariationen. Schnell wurde er zum Vorzeigeschüler der Musikschule Stahlinstadt. Die Eltern der anderen Musikschüler waren frustriert, denn Trübsal kam immer zum Vorspiel. Mit zwölf Jahren war Daniel das erste Mal neben dem Radio zu hören, auch verschiedene Zeitungen und Zeitschriften erschienen. Die zunehmende Aufmerksamkeit der Erwachsenen an seinem Talent erweckte das allgemeine Interesse der Mädchen am Tuten und Blasen. So mancher Stahlinstädter bekam infolgedessen die Flötentöne beigebracht.

Mit 18 Jahren ließ Trübsal die Klassik abrupt hinter sich. Unter dem Einfluss des Komponisten Steve Reich wandte er sich den Techniken des Minimalismus zu und begann mit der Arbeit an eigenen Stücken, zum Beispiel "Oboey" oder "Singular Song". Stipendien führten ihn nach Polyphonesien und in die Musikalische Republik Blasilien (BPM), wo er Bekannschaft mit afrikanischer Rhythmik machte und sich dem Jazz zuwandte. Zusammen mit farbigen Musikern wohnte er in einem besetzten Haus, regelmäßig kam es zu nächtlichen Jamsessions. Gern erinnert er sich an diese Zeit:

"Die Nachbarn schimpften immer und drohten mit der Polizei: Eure Musik ist zu laut, macht Malaysia!"

In den Neunzigern brachte er mehrere Platten auf den Markt. Die LPs hatten unnütz im Regal gestanden und waren nach dem Komplettumstieg auf CD nicht mehr vonnöten. Sein Plattenstand auf dem Bauernmarkt ist legendär. 1999 erfolgte die Gründung des Sinnfonie Ohrchester Stahlinstadt (SOS) als Straßenensemble. Über Jahre begleitete das SOS die Ortskontrollfahrten in der Linden Alley. Trübsals bekannteste Kompositionen stammen hauptsächlich aus dieser Periode, beispielsweise "Stiel mir den Beat vom Brot" oder "Quasi-Mode".

Feiern wir darum heute einen ganz Großen – feiern wir Lee "Scratch" Perry!

Freitag, 8. August 2008

Die Linden Alley


"Es gibt nichts Schöneres als die Lindenallee, wenigstens nicht in Eisenhüttenstadt; für die Stadt bedeutet sie alles. Kaum betrittst du die Lindenallee, riecht es auch schon nach Bummeln. Du hast eine dringende Angelegenheit zu erledigen und betrittst sie - du vergisst jede dringende Angelegenheit. Hier ist der einzige Ort, wo die Menschen nicht aus Notwendigkeit erscheinen. Die Lindenallee ist das allgemeine Verkehrszentrum der Stahlinstadt. Der Bewohner der Werksiedlung oder des VI. Wohnkomplexes, der schon jahrelang nicht mehr bei seinen Freunden in Fürstenberg oder Schönfließ gewesen ist, kann sicher sein, sie hier zu treffen. Kein Adressbuch und keine Auskunftei liefern so verlässliche Neuigkeiten wie die Lindenallee. O allmächtige Lindenalley! Du einzige Zerstreuung der an Spazierwegen armen Stahlinstadt...

Hier werdet ihr einem einzigartigen Lächeln begegnen, einem Lächeln, über alle Kunst erhaben. Hier werdet ihr Leuten begegnen, die sich mit einem hohen Gefühl der eigenen Würde über ein Konzert auf der Freilichtbühne oder das Wetter unterhalten. Hier werdet ihr tausend unvollstellbaren Charakteren und Erscheinungen begegnen. Ihr glaubt, dass dieser Herr dort, der in einem vornehm geschneiderten Gehrock spazierengeht, sehr reich ist? Keine Spur! Er besteht einzig aus seinem Gehrock..."

Der diese poetischen Zeilen schrieb, heißt nicht Ben Kaden. Es war auch nicht euer ergebener Erzähler Andi Leser, nein, diese Zeilen schrieb Alexander Puschkins Zeitgenosse ("Sowremennik") Nikolas Gogol. Und das bereits 1835. Allerdings über den Petersburger Newskijprospekt und nicht über die Lindenallee, und das auch noch auf Russisch und nicht auf Deutsch.

Doch was liegt näher, in einer Stadt, deren breite Straßen an russische Städte wie Magnetogorsk, Saporoschje, Minsk oder eben an Petersburg denken lassen, für russische Literatur zu schwärmen! Die Pawlowallee lädt geradezu ein, sich mit einem Buch von Bulgakow, Samjatin oder Daniil Charms ("Puschkin oder Gogol" in Fälle) einzufinden und die Olympiade als Peking-Ente abzutun. Lassen wir das Fernsehen sein, was es zu sein vorgibt: ein Kamin, der nicht wärmt (bis auf die alten russischen Modelle von Raduga). Amüsieren wir uns lieber für eine Stunde oder zwei mit Bulgakows "Teufeliaden" oder Gogols "Mantel", denn wir alle kommen vom Mantel her.

Sonntag, 13. Juli 2008

Tempel der Kosmetik


Nahezu unverändert steht dieses Haus samt Funktion in der Magistrale, hinter dem Hotel Lunik. Während sich ringsum die Fassaden dem Zeitgeist anbiedern, blieb der Tempel der Kosmetik seit 20 Jahren derselbe.

Logbuchführer Andi empfiehlt: "Bleib so, wie du bist!"

Donnerstag, 24. Mai 2007

Vorsprung durch Techno

Dies ist ein dem Thema angemessener Remixartikel. Das bedeutet, dass der ursprünglich verfasste Blogeintrag neu zusammengesetzt und dabei die Reihenfolge der Absätze verändert wurde. Viel Spaß beim Lesen der nachfolgenden Zeilen im Techno-Takt:

INTRO
Einer schlägt einen Purzelbaum.
Der andere hälts für einen Traum,
reibt sich die Augen und glaubt es kaum:
Was hat doch Hütte für ein Glück,
der Technologe Paul van Dyk
kehrt in die Stadt seiner Geburt zurück.

BUMM
Eisenhüttenstadt hat sich seither stark verändert, Paul van Dyk ebenso. Während es in den 1990er Jahren mit der Stadt abwärts ging und die Einwohnerzahlen schrumpften, ging es für PvD steil nach oben und die Zahl seiner Anhänger wuchs. Mittlerweile wurden im Diesterwegring einige Plattenbauten platt gemacht (um mal einen platten Wortwitz einzustreuen). Auch Paul hat die Platte völlig aus seinem Repertoire verbannt. Seine Sets sind digitalisiert und kommen nun von Laptops via Mischpult in die Gehörgänge.

BUMM
Es ist kein Geheimnis mehr: Der DJ Paul van Dyk wird zum Stadtfest im August die Hütte rocken. Damit kehrt der umtriebige Techno-Pionier und Produzent nach über sieben Jahren in seine Heimatstadt zurück, in welcher er 1971 den allerersten Ton vernommen hat. Vom Baby zum Kleinkind - im Diesterwegring des VI. Wohnkomplex' verbrachte er vier prägende Lebensjahre, bevor seine Mutter mit ihm nach Ostberlin zog. Vielleicht führten ja ausgerechnet die frühen Kindheitsjahre in einer fortschrittsgläubigen Stadt noch dazu in den technikbegeisterten 1970er Jahren zu Pauls Interesse an Advanced Electronic Music? Wer weiß, wer weiß.

BUMM
Mittlerweile kann Apostel Paul auf eine riesige Technogemeinde verweisen. Drei Millionen verkaufte Tonträger, regelmäßige Radioshows auf Radio Fritz, Sunshine Live und Sirius (New York), sowie gigantische Live-Auftritte, bei denen er locker mal 30.000 Menschen (Sylvester 2006: L.A. Sports Arena) zum Zappeln bringt, belegen seine weltweite Popularität. An dem eigentlichen Geburtstag der Stahlstadt, dem 18. August, weilt PvD in New York City, wo er seinen alljährlichen Gig im Central Park absolviert. Ich bin ja gespannt, was auf dem Stadtfest so abgehen wird. Mit ziemlicher Sicherheit wird er dort auch etwas aus seinem aktuellen Album IN BETWEEN das im August 2007 erscheinen soll, zum Besten geben. Ich wäre ja echt scharf auf ein kleines Interview für dieses Logbuch. Mal sehen...

BUMM
Der Fall Paul van Dyk belegt, dass aus einem Hüttenstädter durchaus etwas werden kann, wenn er nur rechtzeitig diese Stadt verlässt. In Ostberlin begeisterte sich Matthias Paul - wie er eigentlich heißt - für die aufkommenden elektronischen Sounds der 1980er, allen voran Depeche Mode und New Order, für die er mittlerweile auch schon den einen oder anderen Remix gebastelt hat. Im März 1991 - mit 19 Jahren - legte er das erste Mal im Berliner Technoschuppen Tresor auf. Nachdem er den Tresor geknackt hatte, setzte er das E-Werk unter Strom und elektrisierte nach und nach eine zunehmende Schar Tanz- und Hörwilliger.

Coda: Die Überschrift ist selbstverständlich an den fast schon sprichwörtlichen Audi-Slogan "Vorsprung durch Technik" angelehnt, der wiederum von der Dyk-Compilation VORSPRUNG DYK TECHNIK als auch schon von U2 in deren Albumopener ZOOROPA zitiert wurde: "Zooropa...Vorsprung durch Technik / Zooropa...be all that you can be / Be a winner / Eat to get slimmer."

HDR-Foto: zickenines (flickr)

Dienstag, 20. März 2007

Alle (6) Vögel sind schon da

Statt "Alle Vögel sind schon da / und die ganze Vogelschar: / Amsel, Drossel, Fink und Meise / und die ganze Vogelsch..." müsste es hier heißen: Alle Vögel war'n mal da. Denn was wir hier sehen sind die Reste eines Wandreliefs aus Keramik, welches einst in der Lindenalley auf eine Expressverkaufstelle für Broiler aufmerksam machte.

Inzwischen ist das zugehörige Brathähnchen nicht mehr Hahn im Korb und wurde mit einigem Mutwillen entfernt. Auch der drumherum gruppierte Tanz der Küchlein ohne ihre Eierschalen ist nur noch in Ansätzen nachvollziehbar, denn diese teilen heute das Schicksal so manchen Republikflüchtlings: Sie sind abgehauen. Nur dieses eine kleine Entlein hat den grausamen Bildersturm überlebt und mahnt den Betrachter: Gedenke meiner! Das Foto ist Teil unseres März-Ausscheids, der sich mit Vögeln befasst, und stammt von Fotofreund ehst.tick.