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Donnerstag, 7. Juni 2007

Liechtenstein in Hütte

Lieber Liechtenstein in Hütte
als eine Hütte in Liechtenstein!

Club Hans Marchwitza präsentiert:

Elektro-Pop mit Friedrich Liechtenstein. Friedrich Liechtenstein agiert als MC zu seinen Stücken und bringt ein paar Geschichten aus seinem Universum mit. Da es sehr tanzbare Stücke sind, ist es angebracht, die Tanzschuhe anzuziehen. Unter www.myspace.com/friedrichliechtenstein gibt es schon einen kleinen Vorgeschmack. Dort findet ihr Musik und ein kleines Interview. Friedrich Liechtenstein ist schwer zu beschreiben, aber er "rockt" ungemein und weiß herzlich zu unterhalten. Er ist viel herumgekommen und ein Sohn unserer Stadt, denn hier wurde er als Hans-Holger Friedrich geboren. Man darf also gespannt sein.

Club Marchwitza
8. Juni 2007
21:00 Uhr
Eintritt: 5,00 EUR


Weitere Infos unter:

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Dienstag, 5. Juni 2007

Der Balkongriller von Hütte

"We eat / and we feed / meat."
The Sausages: Barthleby’s Barbecue

Wir haben Juni 2007 und der Frühling geht nahtlos in den Sommer über. Die Pflanzenwelt erblüht in einem orgiastischen Grünstich, die Tiere spielen Fange und die Menschen zieht es raus an die frische Luft, um den rauchigen Duft von zarten Steaks, fetten Rostbratwürsten oder Fisch, gegrilltem, einzuatmen. Darum freue ich mich auch ganz besonders, den stadtbekannten Balkongriller Hans T. Wurst bei sich auf dem Balkon im Diablogespräch begrüßen zu können. Liegt’s womöglich am Namen..?

Leser: Was haben Sie eigentlich auf der Pfanne, Herr Wurst?

Wurst: Das ist natürlich keine Pfanne, sondern ein mit klassischer Holzkohle befeuerter Gartengrill mit vertikal verstellbarem Rost, den ich mir, bedingt durch die Höhe, die ein Balkon so mit sich bringt, zu einem Balkon- und Terrassengrill umgebaut habe. Auf dem Balkon gibt es nunmal bewegte Luft, da habe ich mir aus verzinktem Stahlblech einen Windschutz angeschweißt.

Leser: Wunderbar. Sie sind ja als Balkongriller in ganz Eisenhüttenstadt bekannt. Ich darf mal aufzählen. Also man kennt Sie im ersten Wohnkomplex, man kennt Sie im zweiten Wohnkomplex, man kennt Sie im dritten Wohnkomplex. Und dann im vierten WK, im fünften und sechsten und, äh, in Fürstenberg.

Wurst: Nicht zu vergessen – in Schönfließ.

Leser: Ach genau, in Schönfließ. Gibt es eigentlich einen Stadtteil, in dem Sie noch nicht gegrillt haben?

Wurst: Nein. Ich habe im ersten Wohnkomplex gegrillt, ich habe im zweiten Wohnkomplex gegrillt, im dritten, im vierten und fünften und so weiter. Auch in Fürstenberg und in Schönfließ habe ich gegrillt. Mittlerweile habe ich auch schon in den Ortsteilen Diehlo und Lawitz auf dem Balkon gegrillt.

Leser: Sie kommen ja richtig rum dabei.

Wurst: Ja. Demnächst kommen Vogelsang und vielleicht Möbiskruge dazu.

Leser: Gibt es dort überhaupt Balkons?

Wurst (lacht): Meines Wissens nicht, nur Terrassen. Doch ich grille ohnehin nur mit einem von mir selbstgebauten Balkon- und Terrassengrill.

Leser: Was war denn Ihr höchstes Balkongrillerlebnis?

Wurst: Das war auf dem Balkon eines elfstöckigen Hochhauses im sechsten Wohnkomplex. Die Schwalben flogen direkt an unseren Köpfen vorbei und als es dunkel wurde, gab es stattdessen Fledermäuse. Wir haben damals dieses Krokodilsfleisch auf den Grill gepackt, welches der Balkonbesitzer – er arbeitete damals auf einer Alligatorenfarm – besorgt hatte. Durch die einsetzende Dunkelheit und wohl auch das einsetzende Dunkelbier lagen die Filets viel zu lange auf dem Rost. Das schmeckte dann alles wie Krokodilsleder. (lacht)

Leser: Wir haben uns ja schon vorab ein wenig unterhalten und Sie haben mir dabei erzählt, wie Sie die Wendezeit empfunden haben.

Wurst: Ja. Plötzlich gab es ein verändertes Warenangebot. Es gab auf einmal verschiedene Grillwurstsorten - und zwar gleichzeitig. Außerdem waren die Grillsteaks oft schon eingelegt oder wenigstens vorgewürzt. Auch die Holzkohle war kein Problem mehr. Geben Sie mir mal Ihren Teller, das erste Steak ist fertig.

Leser: Danke, nein. Ich bin Vegetarier.

Wurst: Wie jetzt? Ach, eine Wurst schadet nix. Wurst ist doch kein Fleisch.

Leser: Aber selbstverständlich ist das Fleisch! Ein Toastbrot, eine Scheibe Toastbrot können Sie mir sehr gern auf den Grill packen.

Wurst: Ich hab da noch eine Putenbrust im Kühlschrank.

Leser: Eine Toastbrotscheibe genügt mir. Und etwas Nudelsalat.

Wurst: Und das soll reichen? Kein Fleisch? Wie soll man denn da satt werden?

Leser: Also ich werde satt.

Wurst: Was denn – nur mit Salat? Das ist doch man alles nur zur Zierde, als Garnitur.

Leser: Es gibt noch wesentlich mehr als nur Salat. Es gibt Gemüse: Kartoffeln und Broccoli und Zwiebeln und Sauerkraut und Rotkohl. Es gibt Getreide: Mais, Haferflocken, Weizen, Gerste, Reis, Amaranth, Dinkel und Buchweizen. Daraus kann man Brot, Kuchen, Teigtaschen, Nudeln, Klöße, Plinse, Gnocchi oder Corn Flakes machen. Man kann Eier essen und Quark, Frischkäse oder alten Gauda. Ananas, Bananen, Äpfel, Birnen, Orangen, Mangos, Papayas, Litschis und Weintrauben. Blau-, Brom-, Erd-, Him- und Heidelbeeren. Tomaten, Paprikas, Karotten, Erbsen, Bohnen, Linsen. Melonen, Gurken, Kürbisse und Zucchinis. Cashews, Mandeln, Erd-, Wal- oder Haselnüsse. Marmelade, Schokolade, Remoulade.

Wurst: Und was ist mit Fisch?

Leser: Ess ich. Salz- und Süßwasserfische. Forellen, Aale und Lachse, Thunfische, Rollmops und Sushi. Und Meeresfrüchte: Schrimps, Muscheln, Kalamari, Algen und Seetang.

Wurst: Dann muss ich das eben alles allein essen. Aber das macht nichts, den Rest kann meine Frau später einfrosten.

Leser: Was macht Ihre Frau?

Wurst: Im Fleischerfachgeschäft arbeiten. Da haben wir uns auch kennengelernt, in dem Laden. Sie ist eine waschechte Fleischerstochter und hat ziemlich früh gelernt, wie man die Wurst in den Darm bekommt.

Leser: So, so. Welchen Tipp können Sie dem Leser zum Abschluss mit auf den Weg geben?

Wurst: Man sollte erst Fleisch auf den Grill legen, wenn die Kohle richtig durchgeglüht ist. Dann schließen sich die Poren sofort und das Aroma bleibt erhalten.

Leser: Ich danke für das Gespräch.

Wurst: Und was ist mit der Toastscheibe?

Leser: Die ess ich jetzt gleich. Haben Sie vielleicht noch etwas Ketchup?

Wurst: Hier haben wir Curry-Ketchup, Senf…

Leser: Den guten Bautzener Senf?

Wurst: Ja genau. Chili-Ketchup, Grillsoße und auch Knoblauchsauce.

Leser: Keinen Werder-Ketchup?

Wurst: Äh, nein.

Leser: Dann den Curry-Ketchup.
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Mittwoch, 30. Mai 2007

Lutschpartie. Der Film.

"Girls on film / Girls on film." (Duran Duran)

Filmbühne Eisenhüttenstadt. Der andere deutsche Film hat seit der deutschen Wiedervereinigung die ostdeutsche Provinz für sich entdeckt. Detlef Bucks "Wir können auch anders" führte uns ins tiefste und zugleich platteste Vorpommern; Andreas Dresen filmte die "Halbe Treppe" in Frankfurt, der Oderstadt, wo auch Hans-Christian Schmid, der Regisseur von "23 - Nicht ist so wie es scheint", überall "Lichter" sah. Außerdem wäre da noch "Schultze get’s the blues" von Michael Schorr zu nennen. Auch Eisenhüttenstadt wurde eine beachtliche Aufmerksamkeit zuteil. Jüngst entstanden hier/dort die Filme "Lunik" unter der Regie von Gilbert Beronneau und "Wieder wurde Stahl gehärtet" von Mark Hundertpfennig.

Heuer, 2007, hat Knut Schmitt seinen neuesten Film "Lutschpartie" fertiggestellt, und zwar in diesem unseren Metallurgenstädtchen. Schmitt ist Regisseur von so kontroversen Filmen wie "Warschauer, packt ein!" (1996), "Eier flogen über das Kumpelnest" (2000), "Einer geht noch rein" (2001), "Habt ihr Herpes, dann vererbt es" (2001) oder "Gevögelt wird zu Hause" (2002). Der Berliner Filmemacher stand dem höchst dankbaren Logbuch in persona non data Andi Leser für ein kurzes Interview zur Verfügung.

Leser: Ich habe Ihren Film vorab…

Schmitt: Sie dürfen mich ruhig duzen.

Leser: Sehr gern. Ich habe vorab einige Ausschnitte deines Film sehen können und ich muss sagen, ich bin wieder einmal überrascht. Teilweise fühlt man sich an David Lunch erinnert, andererseits an Martin Highscorcese oder Oliver Stoned. Etwas ungewöhnlich für einen deutschen Regisseur. Kannst du deinen Film für die Leser in drei Sätzen zusammenfassen?

Schmitt: Nun, "Lutschpartie" handelt – wie der Titel es schon andeutet – von der Macht unserer Mundes. Die Natur hat uns einen Mund gegeben und eine Zunge, um sie zu benutzen. Wir sollen es aussprechen, das bisher Unbenannte. In meinem Film geht es vordergründig darum, dass die Triebkräfte der Macht und des Sicherhebens über andere letzendlich durch den Akt der Liebe aufgehoben werden können.

Leser: Aha. Mir ist aufgefallen, dass Sie in Ihrem, äh, du in deinem Film anscheinend nur unbekannte Schauspielerinnen aus Osteuropa…

Schmitt: Das muss ich sogleich relativieren und klarstellen. Es sind keine Darstellerinnen aus Osteuropa. Osteuropa, das klingt so nach Osten, nach Polen, Ukraine und Russland klingt das, oder Moldawien. Doch bis auf Polen sind diese Länder überhaupt nicht vertreten. Durch viel Überredungskraft konnte ich Darstellerinnen aus Tschechien, der Slowakei, Slowenien, Kroatien, Bulgarien, Rumänien, Litauen, Lettland und Estland begeistern. Moment, habe ich jemanden vergessen? Alles schöne Länder übrigens.

Leser: Und warum einen ganzen Film nur mit Amateurschauspielern? Das Casting muss doch die reinste Syphilisarbeit gewesen sein?

Schmitt: Das Publikum soll sich den Film ohne Vorurteile gegenüber den Darstellern und Darstellerinnen anschauen. Die völlig unbekannten Protagonisten meines Europadramas sollen im Zuschauer keine vorgefertigten Projizierungen wecken und transportieren. Ich wollte allein die Sprache der Bilder, die Sprache des Films auf den Zuschauer wirken lassen.

Leser: Aus welchem Grund sind die Mitwirkenden die meiste Zeit über nackt?

Schmitt: Nacktheit, also das völlige Fehlen von verhüllender und verdeckender Bekleidung, zeigt den natürlichen Menschen, so wie er wirklich ist. Verletzlich, ohne Sichtschutz und stützende Korsette und Maskerade und Abzeichen, Uniformen und Firmenlogos. Die Filmhandlung in "Lutschpartie" ist nackt, reduziert auf das Wesentliche.

Leser: Was ist das Wesentliche?

Schmitt: Die Liebe ist das Wesentliche.

Leser: Es gibt in deinem Film eine Szene, da werden zwei Frauen, die auf allen Vieren herumkriechen, von mehreren Männern in diversen Koituspositionen penetriert.

Schmitt: Ja. Die Frauen dieser Szene, sie symbolisieren das weibliche Prinzip, stammen aus Bulgarien und Rumänien; das männliche Prinzip aus Deutschland, Italien, Großbritannien, Spanien und das durch einen einzigen Darsteller personifizierte Skandinavien. Die Szenerie thematisiert die Aufnahme der beiden Staaten, also Bulgarien und Rumänien – alles schöne Länder übrigens –, in die Europäische Kopulation. Und Frankreich, ich hatte Frankreich vergessen. Frankreich als männliches Prinzip.

Leser: Wenn ich das richtig deute, dann symbolisiert Adam das alte, das herrschende Europa der zwölf EG-Staaten und Eva ist der ehemalige Ostblock, die unterwürfige und unterlegene Seite?

Schmitt: Mehr oder weniger. Doch die Unterschiede, das emotionale Gefälle zwischen den agierenden Partnern wird durch den Akt der Liebe ausgeglichen. Kraft der Liebe wird Europa ein Ganzes, wird eins.

Leser: Die Handlung als solche ist völlig fiktiv?

Schmitt: Und wie!

Leser: Welche Aufgabe fällt denn Eisenhüttenstadt dabei zu?

Schmitt: Es gab viele leerstehende Wohnungen als Drehkulisse. Wir konnten in den unterschiedlichsten Räumen filmen, von der Einraumwohnung bis zur Hotel-Suite. Auch die Umgebung von Eisenhüttenstadt ist sehr schön.

Leser: Schmitt, äh, Knut, ich danke dir für das Interview. Wann können wir deinen Film in den Kinos sehen?

Schmitt: Erstmal muss ich einen geeigneten Verleih finden, dann sehen wir weiter. Die Verhandlungen laufen schon. Ich denke mal im Herbst, Oktober, oder eher November.

Leser: Auf Wiedersehen.

Schmitt: Ja, alles Gute.
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Dienstag, 29. Mai 2007

Platz 1 bei Yahoogle

Wer dieser Tage die drei größten Dramen des Jahres 1988 in der BR Deutschland als Trinität yahoogelt, wird dabei als erstes auf das Logbuch Stahlinstadt stoßen (siehe Bild oben und unten - zur Vergrößerung bitte Bilder anklicken). Die Katastrophen sind dabei in allen drei Fällen mit den als Kulissse dienenden Ortsnamen verbunden: Gladbeck, Remscheid und Ramstein (nur mit einem "m"). Dabei handelt es sich um das Gladbecker Geiseldrama vom August, um das Flugtageunglück von Ramstein (mit nur einem "m") am 28. August, sowie um den Flugzeugabsturz von Remscheid vom 8. Dezember. Trotz dieser westdeutschen Ortsnamen beschäftigt sich der verlinkte Artikel jedoch ausschließlich mit der Stadt, die wir alle so sehr ins Erz geschlossen haben: Eisenhüttenstadt feat. Fürstenberg an der Oder.

Samstag, 26. Mai 2007

Zeit-/Augenzeugen im Gespräch

"If you know your history, then you would know where you coming from."
(Bob Marley: Buffalo Soldier)

Wer sich so wie ich oder Ben Kaden, ein Nachfahre des großen Historikers Zie Kaden (1851-1922), oder wie die Schüler der AG Geschichte am Otto-Buchwitz-Gymnasium in der Glashüttenstraße intensiv mit der Vergangenheit von Eisenhüttenstadt beschäftigt, der ist immer wieder dankbar, wenn er durch den Kontakt mit Zeitzeugen seine bisherigen Ortskenntnisse vertiefen kann. Zeitzeugen tragen durch ihre individuellen Lebenserfahrungen einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zum Verstehen der geschichtlichen Zusammenhänge mit bei. Die große Weltgeschichte spiegelt sich hierbei in ganz persönlichen Lebensgeschichten wider. Die Geschichtsforschung hat für diese Art der Generationsbefragung sogar ein eigenes Fachgebiet eingerichtet, die oral history. Oral (engl.: durch die Ohren) steht für das Zuhören im Allgemeinen, oral history meint demnach gehörte Geschichte.

Jüngst hatte euer ergebener Erzähler Andi Leser das unverhoffte Glück und konnte ein Interview mit drei berenteten Fürstenberger Urgesteinen führen. Die drei waren Wilhelm Gladbeck (†88), Udo Ramstein (†88) und Peter Remscheid (†88).

Leser: Wie war das denn so, als 1950 damit begonnen wurde, auf Pfeiffers Acker zuerst das Eisenwerk und dann, später, eine neue Stadt zu bauen?

Gladbeck: Ja, das war so, ich entsinne mich noch genau, es war Sommer, der Sommer 1950, da kamen hier plötzlich so viele fremde Menschen in den Ort…

Leser: Sie meinen Fürstenberg an der Oder?

Gladbeck: Ja, klar, wohin denn sonst. Also, da kamen auf einen Schlag so viele fremde Menschen in den Ort, also nach Fürstenberg, und niemand kannte die.

Remscheid: Genau. Alles Fremde. Die kamen mit Sicherheit nicht von hier. Und dann, wie die dann angefangen haben mit dem Bau von dem Eisenwerk, da…

Leser: Sie meinen das Eisenhüttenkombinat Ost, kurz EKO, welches heute Mittal Eisenhüttenstadt heißt.

Remscheid: Äh, ja. Na jedenfalls wie die dann angefangen haben mit Bauen, das war im August, ein ziemlich heißer Sommer, wenn ich mich richtig erinnere…

Ramstein: Ja, du erinnerst dich richtig. Es war sehr trocken gewesen, damals. Erst ist das Getreide vertrocknet und dann die Kartoffeln, nicht wahr? Die konnten wir dann nur noch als Kartoffelchips verkaufen, was zu der Zeit noch völlig unbekannt war, nicht wahr? Die Leute haben das dann nicht gekauft, die Säcke standen ewig in der Scheune herum und wir mussten ordentlich Salz dran tun, damit uns das Zeug nicht verdirbt, nicht wahr?

Leser: Doch jetzt wieder zurück zum Eisenwerk. Herr Remscheid, wie war das denn mit dem Eisenwerk und der neuen Stadt?

Remscheid: Was meinen Sie da konkret?

Leser: Äh, die Anfangsjahre. Die Zeit des Aufbaus. Sie wollten doch gerade davon erzählen.

Remscheid: Irgendwie habe ich den Faden verloren. Er war jedenfalls sehr heiß damals. Heiß und trocken. Meine Frau war den ganzen Tag mit Blumengießen beschäftigt.

Leser: Herr Ramstein, Sie können sich doch sicher noch an den August von 1950 erinnern? Wie haben Sie das erlebt?

Ramstein: Ja, das kann ich gut. Ich lebte zu der Zeit noch in Jüterbog und arbeitete als Kirschenentkerner.

Leser: Ach, ein Zugezogener.

Ramstein: Dort habe ich dann meine spätere Frau kennengelernt, Amalie. Das war genau am 18. August 1950, nicht wahr? Nie werde ich diesen Tag vergessen. Amalie arbeitete damals als Körbeverkäuferin. Hin und wieder ging ich in den Laden, wo sie als Verkäuferin angestellt war, und holte mir einen Korb für meine Kirschen, nicht wahr? Einmal nahm ich allen Mut zusammen und sagte ihr, das sie für mich die schönste Kirsche sei. Daraufhin…

Leser: Jaja, sehr schön. Was ging Ihnen als erstes durch den Kopf, als Sie vom Aufbau der EKO-Wohnstadt, wie Eisenhüttenstadt anfänglich geheißen wurde, hörten?

Ramstein: Ich dachte sofort: Da geh ich hin mit meiner Amalie. Es gibt neue Wohnungen, so hieß es, und auch Arbeit, nicht wahr? Dann 1951 kam mein Ältester auf die Welt, der Jürgen.

Leser: Ah, so. Herr Gladbeck, und was ging Ihnen durch den Kopf?

Gladbeck: Vieles. Sehr vieles. Der Krieg war ja nu gerade vorbei und die neue Regierung hatte sich vieles in den Kopf gesetzt. Ich selbst war da immer skeptisch und dachte nur: Wenn ihr euch da mal nicht verrennt. Wenn ihr euch nur nicht verrennt. Ich sollte recht behalten.

Leser: Wie wirkte sich der Aufbau von Stalinstadt auf Ihr Leben aus, Herr Remscheid?

Remscheid: Wie dann so der Bau begann, waren plötzlich sehr viele Fremde in Fürstenberg. Ging man zum Beispiel abends in eine Kneipe oder auch tagsüber zum Einkaufen, dann waren da überall fremde Menschen. Man wusste nicht, was sind das für welche. Die benahmen sich irgendwie ganz anders und anders gesprochen haben sie auch. Das hätte es früher nicht gegeben.

Leser: Herr Gladbeck, Herr Ramstein, Herr Remscheid – ich danke Ihnen für das informative Gespräch und wünsche Ihnen noch viele schöne Sonnentage in Ihrem weiteren Leben.

Anmerkung: Wen Gott liebt, den ruft er zu sich. Kurz nach dem Interview verstarben die drei Fürstenberger Originale in kurzen Abständen nacheinander. Unschätzbare Zeitzeugen des aufkeimenden Lebens in der "Ersten Sozialistischen Stadt auf deutschem Boden" sind dadurch für immer entschwunden. Dieses Interview stellt somit auch eine Art Vermächtnis dar, welches die Nachkommenden gemahnen soll, sich wider das Vergessen zu stemmen und aufrecht durchs Leben zu gähnen.

HDR-Fotografie: zickenines (flickr)
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