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Dienstag, 9. Februar 2010

Top 100: Lesen und lesen lassen


Ab und an rauscht ein Mitmachspielchen durch die Blogwelt wie eine Wintergrippe durch die Kinderkrippe. Bisher habe ich Abstand gehalten, doch diesmal hat es mich erwischt. Das Stöckchen heißt "Deutsche Top 100 der Bücher". Die Toplist ist vorgegeben und nicht sehr aktuell, das ZDF hatte sie 2004 mit Zuschauerhilfe (Hausfrauen und Senioren) erstellt.

Wenn jemand Andi Leser heißt, kann er dieses Thema selbstverständlich nicht an sich vorüberziehen lassen tun. Nun habe ich die Liste kurz überflogen und musste feststellen, dass ich alle Bücher kannte – bis auf die Harry-Potter-Romane, die habe ich andere lesen lassen.

1. Der Herr der Ringe, J. R. R. Tolkien
Zuerst habe ich natürlich den Hobbit gelesen, bevor ich den Rest in einer Mittagspause verschlang.

2. Die Bibel
Teile des Inhalts sind mittlerweile vom Stand der Wissenschaft überholt, aber die Stelle, wo Mohammed nach Jerusalem fliegt, ist unvergesslich.

3. Die Säulen der Erde, Ken Follett
Wer war da nochmal der Protagonist?

4. Das Parfum, Patrick Süskind
Seitdem leide ich unter Waschzwang.

5. Der kleine Prinz, Antoine de Saint-Exupéry
Für alle, die mit dem Herzen lesen.

6. Buddenbrooks, Thomas Mann
Vom Untergang einer angesehenen Lübeckerei.

7. Der Medicus, Noah Gordon
Seit der Lektüre verarzte ich mich selbst und stelle Kochrezepte aus.

8. Der Alchimist, Paulo Coelho
Teile des Buches hatte ich in der Grundschule vorformuliert, aber dann im Bus liegen lassen.

9. Harry Potter und der Stein der Weisen, J. K. Rowling
(siehe Anmerkung oben)

10. Die Päpstin, Donna Cross
Angeblich sollen bis auf die aktuelle Ausnahme alle Päpste Frauen gewesen sein.

11. Tintenherz, Cornelia Funke
Geht es da nicht auch um Herrn Reporter?

12. Feuer und Stein, Diana Gabaldon
Tolles Buch.

13. Das Geisterhaus, Isabel Allende
Las ich während meines Praktikums im Bundeskanzleramt.

14. Der Vorleser, Bernhard Schlink
Ein Buch über meine Vorfahren. Heute liest unsere Familie still für sich.

15. Faust. Der Tragödie erster Teil, J. W. Goethe
Hatten wir in der Schule.

16. Der Schatten des Windes, Carlos Ruiz Zafón
Ein selten schöner Roman.

17. Stolz und Vorurteil, Jane Austen
Hier fühlte ich mich vom Buchtitel persönlich angesprochen.

18. Der Name der Rose, Umberto Eco
Nur so viel: Die Namensfrage wird auch am Ende des Mönchskrimis nicht geklärt.

19. Illuminati, Dan Brown
Ein selten schönes Buch.

20. Effi Briest, Theodor Fontane
Das war Schullektüre.

21. Harry Potter und der Orden des Phönix, J. K. Rowling
(siehe Anmerkung oben)

22. Der Zauberberg, Thomas Mann
Thomas Mann ohne Eigenschaften.

23. Vom Winde verweht, Margaret Mitchell
Stürmische Geschichte.

24. Siddharta, Hermann Hesse
War glaub ich die Drehbuchvorlage für Slumdog Millionär.

25. Die Entdeckung des Himmels, Harry Mulisch
Ein Mann lässt den Kopf hängen, bis er am Ende nach oben schaut. Dort ist er!

26. Die unendliche Geschichte, Michael Ende
Ich muss gestehen, ich bin bis heute immer noch nicht ganz durch.

27. Das verborgene Wort, Ulla Hahn
Ich habe es gesucht, aber nicht gefunden. Gut versteckt, Frau Hahn!

28. Die Asche meiner Mutter, Frank McCourt
Da meine Mutter auch verbrannt wurde, fühlte ich mich durch den Buchtitel angesprochen.

29. Narziss und Goldmund, Hermann Hesse
Ein historischer Roman um Nazis und geraubtes Judengold auf Schweizer Nummernkonten.

30. Die Nebel von Avalon, Marion Zimmer Bradley
Nebulöse Fantasy-Story.

31. Deutschstunde, Siegfried Lenz
Aftermath von den Rolling Stones hat mir besser gefallen.

32. Die Glut, Sándor Márai
Ein gutes Buch.

33. Homo faber, Max Frisch
So frisch, fromm, fröhlich, frei.

34. Die Entdeckung der Langsamkeit, Sten Nadolny
Ein ganzes Jahr habe ich mir für die Lektüre Zeit gelassen.

35. Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, Milan Kundera
Ein bisschen Liebe, ein bisschen Philosophie und ein bisschen Politik.

36. Hundert Jahre Einsamkeit, Gabriel Garcia Márquez
Mir kam es vor wie eine Ewigkeit.

37. Owen Meany, John Irving
Schöner Roman.

38. Sofies Welt, Jostein Gaarder
Ein jeder lebt so in seiner Welt.

39. Per Anhalter durch die Galaxis, Douglas Adams
Dieser Gegenwartsroman ist seiner Zeit weit voraus. Gewesen.

40. Die Wand, Marlen Haushofer
Die Fortsetzung „Wände '89“ war ebenso gelungen.

41. Gottes Werk und Teufels Beitrag, John Irving
Pfiffig!

42. Die Liebe in den Zeiten der Cholera, Gabriel Garcia Márquez
Ansteckend, dieses Buch.

43. Der Stechlin, Theodor Fontane
Was habe ich gelesen!

44. Der Steppenwolf, Hermann Hesse
Einer der größten Druckfeeler überhaupt – das Buch sollte eigentlich Steffen Wolf heißen.

45. Wer die Nachtigall stört, Harper Lee
… hat mehr als einen Flirt.

46. Joseph und seine Brüder, Thomas Mann
Insgesamt waren es zwölf Geschwister.

47. Der Laden, Erwin Strittmatter
Der erste Teil war seinen Nachfolgern „Der Schubladen“ und „Die Marmeladen“ ebenbürtig.

48. Die Blechtrommel, Günter Grass
Dafür sollte er den Nobelpreis bekommen. Oder zurückgeben.

49. Im Westen nichts Neues, Erich Maria Remarque
Stimmt.

50. Der Schwarm, Frank Schätzing
Ein selten gutes Buch.

51. Wie ein einziger Tag, Nicholas Sparks
Nicht länger dauerte die Lektüre.

52. Harry Potter und der Gefangene von Askaban, J. K. Rowling
(siehe Anmerkung oben)

53. Momo, Michael Ende
Die Zeitdiebe haben jetzt alle einen Job bei den Landesbanken.

54. Jahrestage, Uwe Johnson
Gutes Buch.

55. Traumfänger, Marlo Morgan
Die Geschichte wurde dem kollektiven Unterbewusstsein entnommen.

56. Der Fänger im Roggen, J. D. Salinger
Ein berühmtes Buch um die Auswirkungen von Mutterkorn.

57. Sakrileg, Dan Brown
Ein selten gutes Buch.

58. Krabat, Otfried Preußler
Wenn ihr Kind dieses Buch liest, dann sollten Sie sich Sorben machen.

59. Pippi Langstrumpf, Astrid Lindgren
Wer kennt nicht Karlsson auf dem Eis und die anderen Kinder aus Bullerbü.

60. Wüstenblume, Waris Dirie
Ein mutiges Buch.

61. Geh, wohin dein Herz dich trägt, Susanna Tamaro
Ich blieb auf der Couch sitzen.

62. Hannas Töchter, Marianne Fredriksson
Ein gewagtes Titel.

63. Mittsommermord, Henning Mankell
Ein Krimi.

64. Die Rückkehr des Tanzlehrers, Henning Mankell
Ein schwedischer Krimi.

65. Das Hotel New Hampshire, John Irving
Kein Krimi.

66. Krieg und Frieden, Leo Tolstoi
Auf diesem oppulenten Buch basiert das gleichnamige Kartenspiel.

67. Das Glasperlenspiel, Hermann Hesse
Wer hat als Bub nicht gern mit Murmeln (Glaser, Öler, Bucker) gespielt und nebenher dieses Buch gelesen ...

68. Die Muschelsucher, Rosamunde Pilcher
Diese herzzerreißende Geschichte las ich, während der Nagellack an meinen Füßen trocknete.

69. Harry Potter und der Ferkelelch, J. K. Rowling
(siehe Anmerkung oben)

70. Tagebuch der Anne Frank
Hier sollte ich keine Witze machen.

71. Salz auf unserer Haut, Benoite Groult
Salz auf der Haut, Zucker im Urin.

72. Jauche und Levkojen, Christine Brückner
Tolles Buch.

73. Die Korrekturen, Jonathan Franzen
Lese ich erst, wenn es fertig lektoriert ist.

74. Die weiße Massai, Corinne Hofmann
Eine Frau sieht schwarz.

75. Was ich liebte, Siri Hustvedt
... liebe ich heut nicht mehr.

76. Die dreizehn Leben des Käpt’n Blaubär, Walter Moers
Ein kontroverses Buch.

77. Das Lächeln der Fortuna, Rebecca Gablé
Wie witzig und gut gelaunt kommt die Autorin mit diesem Werk daher.

78. Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran, Eric-Emmanuel Schmitt
Allah Anfang ist schwer.

79. Winnetou, Karl May
Winneteou und Old Shatterhand – im Wilden Westen gibt’s ka Sünd.

80. Désirée, Annemarie Selinko
Wir mussten lange auf dieses Buch warten.

81. Nirgendwo in Afrika, Stefanie Zweig
Dabei kann es sich nur um Namibia handeln (namib = Ort an dem es nichts gibt).

82. Garp und wie er die Welt sah, John Irving
Ein rundherum gelungener

83. Die Sturmhöhe, Emily Brontë
Das Buch basiert auf dem Lied „Wuthering Heights“ von Kate Bush.

84. P.S. Ich liebe Dich, Cecilia Ahern
Diesen philosophisch angehauchten Thriller hat mir meine Friseuse vorgelesen.

85. 1984, George Orwell
Das Buch wird langsam Wirklichkeit, nur viel bunter.

86. Mondscheintarif, Ildiko von Kürthy
Mein Lieblingsbuch, wenn ich mal im Wartezimmer länger sitzen muss.

87. Paula, Isabel Allende
Prequel zu „Die Legende von Paul und Paula“.

88. Solange du da bist, Marc Levy
Als ich ausgelesen hatte, war sie weg.

89. Es muss nicht immer Kaviar sein, Johanns Mario Simmel
Es kann auch Koks & Nutten sein.

90. Veronika beschließt zu sterben, Paulo Coelho
Ein Entschluss, den sie aber bis ans Lebensende hinauszögert.

91. Der Chronist der Winde, Henning Mankell
Ein Krimi um einen windigen Stadtanachronisten.

92. Der Meister und Margarita, Michail Bulgakow
Von allen pornografischen Schriften ist mir diese die liebste.

93. Schachnovelle, Stefan Zweig
Mit dieser Novelle lernte ich Halma.

94. Tadellöser & Wolff, Walter Kempowski
Ein mutiges Buch zur rechten Zeit.

95. Anna Karenina, Leo Tolstoi
Ein großer russischer Roman von epischen Ausmaßen

96. Schuld und Söhne, Fjodor Dostojewski
Ein Buch so weit wie Sibirien.

97. Der Graf von Monte Christo, Alexandre Dumas
Warum merkt denn keiner, dass das kein Graf sondern ein Schwindler ist!

98. Der Puppenspieler, Tanja Kinkel
Jacob Fugger und die Frauen.

99. Jane Eyre, Charlotte Brontë
Ein sehr wichtiges Buch, wie schon das von ihrer Schwester Emily (Nr. 83).

100. Rote Sonne, schwarzes Land, Barbara Wood
Blaues Gras und lila Strand.
~

Sonntag, 24. Januar 2010

Alltagsskizze: Das erste Mal


Weitere Comix dieser Art gibt es in meinem vielseitigen Machwerk "Hinz- & Kurzgeschichten" aus dem Schaltzeit-Verlag. Jetzt beeilen, von der 1. Auflage sind nur noch rund 100(!) Stück vorhanden.

Montag, 4. Januar 2010

Allen Lesenden ein gesundes neues Jahr!


Ab geht die Post: Eigentlich wollte ich an dieser Stelle Allen Lesern ein gesundes neues Jahr! wünschen, doch dann meinte meine Tante Mili, das sei "Chauvi-Scheiße". Obwohl ich heuchlerisch vorgäbe, allen ein schönes Neujahr zu wünschen, würde ich mit meiner Formulierung nur die Hälfte der Lesenden ansprechen, zeterte sie. Sie behauptete, "Leser" seien nur die Männer. Tante Mili ist Feministin, und zwar eine militante. Daraufhin wies ich sie darauf hin, dass sie selbst ein "Leser" sei, weil sie doch Milena Leser heiße und sie somit auch zum Leserkreis gehöre.


Tante Mili meinte, dafür könne sie nichts. Es handele sich um Unrecht von Geburt an. Sie würde gern ihren maskulinen Namen ändern, doch das sei nur durch eine Hochzeit möglich, und der einzige Mann, den sie jemals geliebt und geheiratet hätte, habe Harald Schreiber geheißen, was rein namenstechnisch eine Hochzeit wiederum ausschließen würde. Vielleicht habe eher Herr Schreiber eine Hochzeit ausgeschlossen, vermutete ich viel zu laut. Da fing Tante Mili zu weinen an.


Um des lieben Familienfriedens willen wählte ich in der Überschrift die geschlechtsneutrale Anrede, auf dass sich alle Geschlechtsneutralen angesprochen fühlen mögen können tun. Und ab geht die Post!

Mittwoch, 30. Mai 2007

Lutschpartie. Der Film.

"Girls on film / Girls on film." (Duran Duran)

Filmbühne Eisenhüttenstadt. Der andere deutsche Film hat seit der deutschen Wiedervereinigung die ostdeutsche Provinz für sich entdeckt. Detlef Bucks "Wir können auch anders" führte uns ins tiefste und zugleich platteste Vorpommern; Andreas Dresen filmte die "Halbe Treppe" in Frankfurt, der Oderstadt, wo auch Hans-Christian Schmid, der Regisseur von "23 - Nicht ist so wie es scheint", überall "Lichter" sah. Außerdem wäre da noch "Schultze get’s the blues" von Michael Schorr zu nennen. Auch Eisenhüttenstadt wurde eine beachtliche Aufmerksamkeit zuteil. Jüngst entstanden hier/dort die Filme "Lunik" unter der Regie von Gilbert Beronneau und "Wieder wurde Stahl gehärtet" von Mark Hundertpfennig.

Heuer, 2007, hat Knut Schmitt seinen neuesten Film "Lutschpartie" fertiggestellt, und zwar in diesem unseren Metallurgenstädtchen. Schmitt ist Regisseur von so kontroversen Filmen wie "Warschauer, packt ein!" (1996), "Eier flogen über das Kumpelnest" (2000), "Einer geht noch rein" (2001), "Habt ihr Herpes, dann vererbt es" (2001) oder "Gevögelt wird zu Hause" (2002). Der Berliner Filmemacher stand dem höchst dankbaren Logbuch in persona non data Andi Leser für ein kurzes Interview zur Verfügung.

Leser: Ich habe Ihren Film vorab…

Schmitt: Sie dürfen mich ruhig duzen.

Leser: Sehr gern. Ich habe vorab einige Ausschnitte deines Film sehen können und ich muss sagen, ich bin wieder einmal überrascht. Teilweise fühlt man sich an David Lunch erinnert, andererseits an Martin Highscorcese oder Oliver Stoned. Etwas ungewöhnlich für einen deutschen Regisseur. Kannst du deinen Film für die Leser in drei Sätzen zusammenfassen?

Schmitt: Nun, "Lutschpartie" handelt – wie der Titel es schon andeutet – von der Macht unserer Mundes. Die Natur hat uns einen Mund gegeben und eine Zunge, um sie zu benutzen. Wir sollen es aussprechen, das bisher Unbenannte. In meinem Film geht es vordergründig darum, dass die Triebkräfte der Macht und des Sicherhebens über andere letzendlich durch den Akt der Liebe aufgehoben werden können.

Leser: Aha. Mir ist aufgefallen, dass Sie in Ihrem, äh, du in deinem Film anscheinend nur unbekannte Schauspielerinnen aus Osteuropa…

Schmitt: Das muss ich sogleich relativieren und klarstellen. Es sind keine Darstellerinnen aus Osteuropa. Osteuropa, das klingt so nach Osten, nach Polen, Ukraine und Russland klingt das, oder Moldawien. Doch bis auf Polen sind diese Länder überhaupt nicht vertreten. Durch viel Überredungskraft konnte ich Darstellerinnen aus Tschechien, der Slowakei, Slowenien, Kroatien, Bulgarien, Rumänien, Litauen, Lettland und Estland begeistern. Moment, habe ich jemanden vergessen? Alles schöne Länder übrigens.

Leser: Und warum einen ganzen Film nur mit Amateurschauspielern? Das Casting muss doch die reinste Syphilisarbeit gewesen sein?

Schmitt: Das Publikum soll sich den Film ohne Vorurteile gegenüber den Darstellern und Darstellerinnen anschauen. Die völlig unbekannten Protagonisten meines Europadramas sollen im Zuschauer keine vorgefertigten Projizierungen wecken und transportieren. Ich wollte allein die Sprache der Bilder, die Sprache des Films auf den Zuschauer wirken lassen.

Leser: Aus welchem Grund sind die Mitwirkenden die meiste Zeit über nackt?

Schmitt: Nacktheit, also das völlige Fehlen von verhüllender und verdeckender Bekleidung, zeigt den natürlichen Menschen, so wie er wirklich ist. Verletzlich, ohne Sichtschutz und stützende Korsette und Maskerade und Abzeichen, Uniformen und Firmenlogos. Die Filmhandlung in "Lutschpartie" ist nackt, reduziert auf das Wesentliche.

Leser: Was ist das Wesentliche?

Schmitt: Die Liebe ist das Wesentliche.

Leser: Es gibt in deinem Film eine Szene, da werden zwei Frauen, die auf allen Vieren herumkriechen, von mehreren Männern in diversen Koituspositionen penetriert.

Schmitt: Ja. Die Frauen dieser Szene, sie symbolisieren das weibliche Prinzip, stammen aus Bulgarien und Rumänien; das männliche Prinzip aus Deutschland, Italien, Großbritannien, Spanien und das durch einen einzigen Darsteller personifizierte Skandinavien. Die Szenerie thematisiert die Aufnahme der beiden Staaten, also Bulgarien und Rumänien – alles schöne Länder übrigens –, in die Europäische Kopulation. Und Frankreich, ich hatte Frankreich vergessen. Frankreich als männliches Prinzip.

Leser: Wenn ich das richtig deute, dann symbolisiert Adam das alte, das herrschende Europa der zwölf EG-Staaten und Eva ist der ehemalige Ostblock, die unterwürfige und unterlegene Seite?

Schmitt: Mehr oder weniger. Doch die Unterschiede, das emotionale Gefälle zwischen den agierenden Partnern wird durch den Akt der Liebe ausgeglichen. Kraft der Liebe wird Europa ein Ganzes, wird eins.

Leser: Die Handlung als solche ist völlig fiktiv?

Schmitt: Und wie!

Leser: Welche Aufgabe fällt denn Eisenhüttenstadt dabei zu?

Schmitt: Es gab viele leerstehende Wohnungen als Drehkulisse. Wir konnten in den unterschiedlichsten Räumen filmen, von der Einraumwohnung bis zur Hotel-Suite. Auch die Umgebung von Eisenhüttenstadt ist sehr schön.

Leser: Schmitt, äh, Knut, ich danke dir für das Interview. Wann können wir deinen Film in den Kinos sehen?

Schmitt: Erstmal muss ich einen geeigneten Verleih finden, dann sehen wir weiter. Die Verhandlungen laufen schon. Ich denke mal im Herbst, Oktober, oder eher November.

Leser: Auf Wiedersehen.

Schmitt: Ja, alles Gute.
~

Donnerstag, 19. April 2007

Das Hotel Lunik in Babylon

Wieder einer mehr. In einer multimedial durchnetzten Welt, die ganz stark von Bildern lebt, dient beinahe jeder Ort als Kulisse für Filmaufnahmen. Auch Eisenhüttenstadt, ein trister und fader Ort, den wir alle so sehr lieben, taugte schon desöfteren als Bühne für filmisch erzählte Geschichtchen. Gestern nun wurde eine neue Seite in der Filmografie der Stahlarbeiterstadt aufgeschlagen, denn LUNIK, ein Film von Gilbert Beronneau, erlebte in Berlin seine Premiere.

Grund genug für Filmfritz Andi Leser sich aufzumachen nach Babylon. Damit ist nicht etwa Berlin selbst gemeint oder gar Bagdad, das ja in der Nähe des alten Babylon liegt, sondern das Kino Babylon in Mitte, wo LUNIK als Auftakt zum Festival Achtung Berlin vor einem erwartungsfrohen Publikum gezeigt wurde.

Was soll ich sagen? Die 6 Euro fünfzig hätte ich mir ruhig sparen können. Eine wirre Geschichte in Überlänge, reichlich angefüllt mit überflüssigen Dialogen und unterlegt mit disharmonischen Klängen, die auf die Dauer mächtig nervten. Die Familie Lunik führt ein Hotel, das keine Zimmertüren mehr hat und ohne zahlende Gäste auskommt. Die einzigen Gäste sind eher Gratisbewohner einer merkwürdigen Kommune. Während Franz Lunik sein pseudokommunistisches Experiment aus- und damit die permanente Pleite erlebt, versucht sich sein Cousin Toni als Unternehmer, der nebenan eine Bar mit Leben und so die leeren Kassen mit Geld füllen möchte.

Um nicht vollkommen ohne das liebe Geld auszukommen, überfallen Franz und seine Schwester Babett ab und an eine Tankstelle oder auch mal den Marktkauf, wo sie eine Verkäuferin erschießen (nicht zur Nachahmung empfohlen). Der Polizeikommissar, der diese Überfälle untersuchen soll, trägt nichts zur Aufklärung bei, sondern vielmehr zu ihrer Verschleierung. Der Herr Kommissar springt viel lieber mit der attraktiven Babett ins Bett – ist ja auch mal ganz nett, denn gespielt wird sie von Anna Maria Mühe. Er scheint irgendwie auch kaum arbeiten zu müssen, sooft wie er sich aus privaten Gründen im Hotel Lunik aufhält und dort frühstückt, übernachtet oder herumsitzt.

Nebenbei gibt es noch ein paar weitere debile Gäste, die sich gegenseitig nerven, wie es nun mal Menschen in ihrem Zusammenleben häufig tun, und mit Sinnlosdialogen und Diskussionen die Zeit totschlagen. Am Ende bleibt nichts. Kein Geld, kein aufgeklärtes Verbrechen und kein Schimmer, was der Film überhaupt bedeuten sollte. Muss denn immer alles etwas bedeuten? Ja! Äh, nein. Dieser Film ist wahrlich ohne Bedeutung. Bedeutungslos.

p.s. 1: Halt, es bleibt doch etwas! Das Filmteam hatte die geniale Idee, diverse Buttons mit dem Lunik-Logo (ein Halbmond mit Fahne) anzufertigen und als Gimmick an interessierte Buttonträger auszuteilen. Das ist doch mal etwas!

p.s. 2: Wer noch mehr über die Filmpremiere lesen möchte, der schlage bitte das EH-Blog auf der folgenden Seite auf.
~

Donnerstag, 4. Januar 2007

Sex in the City - geil!

Brustbild

Da hat mein Blognachbar Ben Kaden mich doch aufgrund meines Eintrages von gestern als "gerade irgendwie übererotisiert wirkende Leser-Kanone" bezeichnet. Und das nur, weil mich Eisenhüttenstadt so geil macht. Ihn aber auch. Man(n) macht sich ja so sein Gedanken, und ich habe gemerkt, warum diese an sich so öde Stadt mir wie Liebstöckel oder Sellerie auf die Libido haut. In Wahrheit ist die "erste sozialistische Stadt auf deutschem Boden" ein reines Sündenbabel, ein zweites Sodom, wie es die gleichnamige EP der einheimischen Band Dirt ja schon andeutet - jawohl!

Kein Wunder: Überall, wohin das Auge auch blickt, sind stehende, sitzende oder gar liegende Damen aus Bronze oder in Stein zu sehen. Die Frau als Lustobjekt bestimmt das Stadtbild, könnte man meinen. Mit nur wenig Fantasie ist der aufrecht in den Himmel ragende Obelisk auf dem Platz des Gedenkens als ein Phallussymbol auszumachen. Sogar äußerst feinsinnig in die Architektur wurde die sublime Anzüglichkeit eingearbeitet, sehen doch die Lampenschalen der Punkthochäuser in der Magistrale bei gedämpfter Straßenbeleuchtung wie pralle Brüste aus, die nur darauf warten, dass ihnen an den Nippeln das Licht angeknippst wird. Und da soll man als hungriger Leidwolf ganz ruhig bleiben und seine Drüsen beherrschen? Nein, der Feind ist stärker, übermächtig gar, denn hier arbeiten Architektur, Kunst und Natur Hand in Hand.

Meisterlampe

Mittwoch, 3. Januar 2007

In Hütte auf Tour

Am gestrigen Tage sind Benny-Bunny und ich durch die Stadt, die wir alle gut kennen, gehoppelt, um unserer Eisenhüttenstadt-Obsession zu frönen. Wir haben fotografiert bis die Speicherkarten schnarrten und die Akkus glühten. (Ach, warum kann denn der Benny kein hübsches Mädchen sein? Dann könnten wir zusammen unsere EHST-Obsession ausleben UND miteinander Sex haben. Oder noch besser: Wir könnten pornografische Bildchen vor Eisenhüttenstädter Kulissen machen. Ich denke dabei an das Anblasen eines Hochofens, das Fluten der Zwillingsschachtschleuse oder an die Belebung der ungenutzten Bettenburg Lunik. Das würde mich vielleicht antörnen - ich kann euch sagen.)

Nach dem sehr frühen Eintritt der Dunkelheit verzogen wir uns in den überdachten Raum der Stadt. Im Flohmarkt der Stadtbibliotheke habe ich passend zur EU-Ostausweitung ein Rumänisch- und ein Bulgarisch-Wörterbuch erstanden, beide für jeweils 50 Eurocent. Darüber hinaus auch noch ein Wörterbuch für Norwegisch und Französisch - was tut man nicht alles als überzeugter Europäer. Hierzu musste ich meinen Namen nennen, denn einen Kassenbeleg rückte der Computer nur heraus, wenn man etwas eingab wie Hinz oder Kunz. Ich wollte doch aber gar keinen Beleg.

Plötzlich war unser Ben so geil auf den Besitz der Heimatkalender aus der Vorwendezeit, dass wir rüber ins Bürgerfoyer im Rathaus zogen, um die dortigen Restbestände aufzukaufen. Die zur Vetretung bestellte Frau Ettmeier teilte jedoch mit, dass hier keine Heimatkalender mehr verkauft würden. Der Rat der Stadt lautete: "Probieren Sie's mal in der Lindenallee! In der Tourismusinformation oder bei Frau Jachning." Auch dort: Fehlanzeige. Frau Jachning sagte sogar, dass die Heimatkalender der Vorwendezeit gleich nach der Wende containerweise in die Hochofen gewandert sind und dort mit anderen Druckerzeugnissen verbrannt wurden. Kurzzeitig war ich schockiert. Mir ging das Heine-Zitat durch den Kopf, wonach in einem Land, in dem zuerst Bücher verbrannt werden, hernach Menschen in die Öfen wandern. Sind wir etwa wieder so weit? Allerdinx liegt dieser barbarische Akt schon über zwölf Jahre zurück und ist somit wieder verjährt. Ich beruhigte mich und träumte stattdessen von Sex im Buchladen.

Im Anschluss, da wir nun schon in der Nähe waren, machten wir einen Abstecher in die Lokalredaktion der MOZ. Doch was mussten wir entdecken? Die Räumlichkeiten ähnelten eher einer reinen Zeitungsredaktion als einem Lokal. Nirgendwo eine Bar oder ein Zapfhahn. Welch eine Irreführung braver Bürger!

Ganz nebenbei haben Ben und ich das neue Motiv des Monats beschlossen. Im Januar sind Wandbilder aus dem Stadtbild Trumpf, denn die kann man jetzt, da die Bäume kein Laub mehr tragen, sehr gut sehen und digitalisiert festhalten. Also auf gehts! Fotografiert und flickrt sie alle!