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Freitag, 16. Januar 2009

Frank Schwätzig: Der Charm

"Wenn Nietzsche in den Abgrund blickt,
dann blickt der Abgrund auch in Nietzsche."


21. Juni, Schwarzes Luch, Vogelsang. Eine Gruppe norwegischer Austauschschülerinnen wird beim Baden von einer Horde Stichlinge angegriffen. Die Mädchen können sich mit Jauchzen und Juchzen an Land retten, wobei Ihnen der betreffende Fischschwarm durch die Lappen geht. Die Polizei geht bei dem Schwarm noch von einem Einzeltäter aus.

23. Juni, Müllroser See, Müllrose. Mehrere Badegäste werden von einem verstörten Fischschwarm angespuckt und mit Rogen beworfen. Infolge dessen stagniert der Verkauf von Kaviar in Müllrose. Die Wasserschutzpolizei ermittelt.

30. Juni, Helenesee, Frankfurt (Oder). In den frühen Morgenstunden wird ein Angler von einem tollen Hecht ins Tiefe gezerrt, bis dem Mann zuerst die Puste und dann das Lebenslicht ausgeht. Am Nachmittag kommt es zu einem weiteren Todesfall, als ein Schwimmlehrer vor Wut platzt. Der Kriminalkommissar zeigt auf die Wasseroberfläche der Helene und befindet: "Alles klar!"

4. Juli, Nationalfeiertag in den USA. Umweltschützerin Anna Wrack sieht einen mysteriösen Zusammenhang zwischen all diesen Katastrophen: "Alle Ereignisse fanden im Sommer statt und hatten mit Menschen zu tun." Sie untersucht die beiden Leichen und nimmt Wasserproben. Sie macht dabei eine unerwartete Entdeckung und setzt sich daraufhin mit den norwegischen Austauschschülerinnen in Verbindung. Ihr Verdacht scheint sich zu bestätigen.

18. Juli, Müritz, Waren. Die amtierende Miss Ostdeutschland wird von einem Aal ziemlich barsch angefasst und als "Laufsteak" beschimpft. Sie erleidet einen Hörsturz und wird depressiv. Auch hier stößt die mutige Umweltschützerin Anna Wrack auf das gleiche Indiz: Alle Betroffenen benutzten ein Deodorant der Marke "Charm". Das Deo wirbt mit der Aussage unwiderstehlich zu machen, da es den synthetischen Sexuallockstoff Östragon enthalte.

20. Juli, Atlantis, Atlantis-City. Anna Wrack trifft sich mit Neptun, dem Herrscher der Meere und des Trinkwassers. Aus dem Gespräch erfährt sie, dass Östragon die Wasserbewohner unnötig aufgeilt. Neptun fordert ein Verbot des Deodorants. Anna Wrack verspricht, ihre Achselbehaarung unparfümiert zu belassen.

18. August, Washington, Pentagramm. Die Menschen schließen ein Friedensabkommen mit den Fischen und verordnen ein Östragonmoratorium ab 2019. Neptun bezeichnet das Moratorium als zu lachs, der französische Präsident Nikolas Sackgesicht hingegen findet es Abyssl übertrieben.

10. Oktober, Schweden, Stockholm. Der Wissenschaftler Erich von Däniken geht ins Wasser und bekommt für sein Lebenswerk den Friedensnobelpreis geliehen. Entgegen darwinistischer Darlegungen stammt der Mensch nun doch nicht von Affen ab, sondern kommt wie alles andere Leben aus den Ozeanen.

Sonntag, 28. September 2008

Wenn der Schläfer erwacht

"Und nichts von dem... das den... Schläfer... in mir erweckte."
(Frank Herbert: Der Wüstenplanet)

Diese Geschichte habe ich noch nie jemandem erzählt, aus Angst für verrückt gehalten zu werden. Dabei ist ein jedes Wörtchen wahr, ich habe sie alle im Wörterbuch gefunden.

Es war 1988, also vor 20 Jahren, da kam ich in die Pubertät und hatte ständig Streß mit meinen Eltern. Sie wollten andauernd, dass ich dies und jenes mache, spionierten mir hinterher und hatten auch sonst vergessen, dass sie selber einmal Kinder gewesen waren. Ich verweigerte meine Mitarbeit wiederholt mit dem Satz: Ich möchte lieber nicht." Als Strafe für mein Fehlverhalten gab es Sanktionen: Fernsehverbot, Liebesentzug, frühes Zubettgehen. Auch in der Schule gab es viel Zoff, denn Direktor Diedrich Knickerbocker war ein gestrenger Patron.

Einmal sollte ich in den Club Hans Marchwitza in den Diehloer Bergen gehen, um dort für meine Eltern etwas abzuholen. Dabei verlief ich mich sowas von dermaßen in den Gartenanlagen, dass ich mich gar nicht mehr zurecht fand, denn ich war noch nie im Marchwitza-Club gewesen. Irgendwann gelangte ich hinter den Gärten in den Wald und setzte mich erschöpft nieder. Als ich mich zum Weitergehen anschickte, hörte ich aus der Ferne ein Rufen: "Andi Leser! Andi Leser!" Ich sah mich um, konnte aber nur eine Krähe im einsamen Flug erkennen. Ich dachte schon, meine Fantasie hätte mich genarrt, da vernahm ich das selbe Rufen: "Andi Leser! Andi Leser!"

Plötzlich entdeckte ich eine sonderbare Gestalt, die sich mit einer Last auf dem Buckel durch den Wald mühte. Beim Herankommen sah ich, dass die Gestalt einen alten Mann mit einem Kasten Bier ergab. Der alte Mann bedeutete mir näherzukommen und beim Tragen zu helfen. "Fass mal mit an, Andi!" Hätte das Hutzelmännchen nicht meinen Namen gewusst, ich wäre lauthals schreiend weggelaufen.

So stapften wir durch die Diehloer Berge, bis wir zu einer Lichtung kamen, auf der sich bereits eine Gesellschaft um eine hohe Kiefer versammelt hatte. Was mich am meisten verwunderte war, dass die Leute, obwohl sie sich offensichtlich amüsieren wollten, die ernstesten Mienen zur Schau trugen. Wir stellten den Kasten Bier ab und der Alte bekam eine Axt in die Hand, mit der er die Kiefer umhauen sollte. Die versammelten Leute zählten jeden Axthieb lautstark mit. Als die Kiefer umfiel, machte mir der Alte Zeichen, ich solle die Gesellschaft bedienen und soviel Flaschenbier vergeben, wie er Axthiebe gebraucht habe. Zum Schluss blieb eine Flasche übrig, die ich mir öffnete und zum Mund führte, bis meine Sinne umnebelt wurden, die Augen schwammen und ich vor Ort in tiefen Schlaf fiel.

Beim Erwachen stand die Sonne hoch am Himmel und ich bekam einen Schreck, denn es war mir wie Frühling. Die Vögel zwitscherten, die Bäume trugen zartes Grün und alles blühte. Meine Kleidung hing in mürben Fetzen an mir. Dann fiel mir ein, was sich ereignet hatte, bevor ich eingeschlafen war. Oh! Diese Flasche! Verdammtes Bier!

Ich machte mich auf den Weg heimwärst und rechnete in Gedanken schon mit den Bestrafungen meiner Eltern, als ich auf einem nahen Weg einen Opel Calibra fahren sah. Ich nahm dies als Glück spendendes Omen, denn ein Westauto war in meiner Kindheit etwas sehr seltenes. Doch je näher ich der Stadt kam, desto mehr West-Pkw waren zu sehen. Auch gab es neue Straßenschilder, die mir die John-Schehr-Straße als Poststraße auswiesen. Ich war irritiert.

Es gab noch weitere Unklarheiten. Über unserer HO-Kaufhalle stand mit einem Male SPAR, der heute verschwundene Kiosk war dicht bepackt mit Bild-Zeitung, Bravo und Tagesspiegel. Vorne an lag der Asterix-Band "Der Kampf der Häuptlinge". Ich frug einen Passanten, ob wir denn jetzt im Kommunismus leben würden, doch der ranzte nur: "Rote Socke!"

Zuhause angekommen, fielen mir die vielen Westaufkleber auf, die an unserer Wohnungstür klebten. Als ich die Klingel betätigte, öffnete mir mein Vater, der mich nicht zu erkennen schien. Auch sah er merkwürdig alt aus. "Erkennst du mich denn nicht?" fragte ich ihn. Es dauerte eine Weile.

Aus irgendeinem Grund waren inzwischen fünf Jahre vergangen. Die Wende hatte ohne mich stattgefunden und meine Mutter war aus Gram über meinen Verlust an gebrochenem Herzen gestorben. Die Sache hatte aber auch sein Gutes. Ich war endlich volljährig, konnte meine Lebensmittel mit harten Devisen kaufen und mir selbst einen Flug nach New York genehmigen. Das war ein Traum, aus dem ich nicht mehr aufwachen wollte.

Durch den Heimatforscher Helmut Brosam, der einen der ersten Berichte über die Stahlinstadt geschrieben hat, erfuhr ich, was es mit meinem Erlebnis auf sich hatte. Er versicherte mir, es sei eine überlieferte Tatsache, dass in den Diehloer Bergen schon immer seltsame Wesen herumspukten. Auch sei bestätigt, dass der ehemalige Industrieminister Fritz Selbmann hin und wieder in den Bergen erscheine, um ein wachsames Auge auf die Stadt zu werfen, deren Errichtung er seit 1950 vorangetrieben habe. So hatte er mit dem Fällen einer Kiefer am 18. August 1950 das Startsignal für den Aufbau des Eisenhüttenkombinats gegeben.

So war es gewesen, das kann jeder lesen.

(26.09.2008@e-stadt.de)

Freitag, 6. Oktober 2006

Der Führer schenkt den Klonen eine Stadt, 4

"You're so square / Baby, I don’t care."
(Buddy Holly)

EINTRAGUNG NR. 4

Übersicht: Wohnungsvergabe. Zuteilung der Lebenspartner. D-1808.

Nachdem der fürsorgliche Führer unserer neuen Stadt den schönen und wohlklingenden Namen Stahlstadt gegeben hatte, war befohlene zehn Minuten lang tosender Applaus zu hören. Welch Orkan! Es wird der Tag kommen, an dem werden auch noch die letzten Unterschiede zwischen uns beseitigt sein und 30.000 Klone werden im Gleichtakt klatschen. Ein großer Organismus mit tausenden, ach: Millionen Händen!

Im Anschluss an die Namenverleihung erfolgt die heißersehnte Vergabe des Wohnraums. Die Klone waren dazu aufgerufen, sich in Reihen zu formieren. Vor dem Obelisken standen Schalen randvoll mit kleinen Zetteln. Die Zettel wurden jeweils mit einer Nummer versehen, die einem bezugsfertigen Wohnraum zugeordnet war. Jede Wohnung besteht aus zwei Wohnräumen, so dass immer zwei Klone als Lebenspartner zusammen leben. Nun könnte jemand, der unsere Gesellschaftsordnung nicht kennt, einwerfen, dass diese Wohnungsvergabe vom Zufall bestimmt sei und deshalb dem Einfluss einer unberechenbaren Größe ausgeliefert ist. Dem ist nicht so! Wir Klone sind einander so ähnlich, nein, ich muss mich korrigieren: wir sind komplett identisch – und das sind auch unsere künftigen Wohnungen. Niemand muss sich bevorzugt oder benachteiligt fühlen, denn alle neuen Lebensgemeinschaften werden einander ohnehin gleichen.

Wenn ich eben behauptet habe, dass wir Klone komplett identisch sind, so muss ich ergänzen, dass es zwei Grundformen gibt, die sich zwar voneinander unterscheiden, doch untereinander gleich sind, da sie sich von denselben Prototypen ableiten. Demnach gibt es weibliche Klone, die alle vom Klon Dolly abstammen, und es gibt männliche Klone, die perfekte Kopien der Originaltype Klon Ferdinand sind. Ich zum Beispiel bin die viertausendsiebenhundertundzweiundzwanzigste Kopie des Klons Ferdinand und höre folglich auf den völlig logischen Namen F-4722.

Die Nummer auf dem Zettel, den ich aus der Schale zog, lautete übrigens 14-12-4-3, was nichts anderes bedeutet, als dass sich mein Wohnraum in der 14. Straße, 12. Treppenaufgang, 4. Stock und hinter der 3. Tür befindet. Vor dieser Tür traf ich dann den mir zugeteilten Lebenspartner: D-1808. Sie sah aus wie alle unsere weiblichen Klone – wunderschön. Dem Brauch entsprechend musste ich D-1808 über die Schwelle tragen, damit wir beide gleichzeitig die Wohnung betreten konnten. Von nun an waren wir ein Paar, die kleinste Zelle eines großen Staatsorganismus‘.

Kaum hatten wir die Wohnung in einer gemeinsamen Begehung besichtigt, schlüpfte D-1808 auch schon ins Hygienezimmer und verschloss die Tür vor meiner Nase. Ich war etwas irritiert, denn eigentlich durfte es keine Geheimnisse zwischen uns geben. Daraufhin ging ich in meinen Raum und erfreute mich seiner quadratischen Grundfläche. Wie wohlproportioniert alles war! Ich geriet sogleich ins Tagträumen und stellte mir vor, dass genau in diesem Augenblick 30.000 Klone ebenso wie ich in ihren Räumen sitzen und die himmlische Geometrie unserer revolutionären Architektur bestaunen. Ich übertreibe keinesfalls, wenn ich behaupte, dass wir den rechten Winkel neu erfunden haben.

Donnerstag, 5. Oktober 2006

Der Führer schenkt den Klonen eine Stadt, 3

EINTRAGUNG NR. 3

Übersicht: Des Führers Rede. Der Name der Stadt. Roter und Blauer Planet.

In Reih und Glied standen 30.000 Klone auf dem Zentralen Platz und warteten voller Ehrfurcht darauf, dass sich die Wortes des Führers wie Politur über sie ergießen mochten. Dann war es endlich soweit. Uns wurde zu Klatschen befohlen und unmittelbar danach betrat ein bärtiger Mann in weißer Generalsuniform die Bühne vor dem Obelisken. Da mein Erinnerungsvermögen nicht so perfekt funktioniert wie das unserer Abteilung für AgitProp (das sieht man schon daran, dass ich glaubte, mich daran zu erinnern, es hätten drei Männer auf der Tribüne gestanden, doch auf dem Zeitungsfoto sind eindeutig nur zwei zu sehen), zitiere ich den genauen Wortlaut der Rede so wie er heute in der Staatszeitung abgedruckt wurde:

„Klone des Einzigen Demokratischen Volksstaates! Ein außerordentlich bedeutsames Ereignis hat uns hier zusammengeführt: Die Einweihung der ersten Stadtneugründung auf dem Roten Planeten. Viele weitere werden folgen und sie werden ebenso prächtig aussehen wie diese Idealstadt. (Applaus.) Die Zeit der Barackensiedlungen auf Marx und Engels sind somit Teil der Geschichte! (Lang anhaltender Applaus.) Diese schöne neue Stadt ist ein wesentlicher Schritt beim Aufbau einer neuen friedliebenden Gesellschaftsordnung, die der Welt beweisen wird, dass es ohne die Ausbeuter und Kapitalisten tausendmal besser geht. (Lang anhaltender Applaus.) Die hier lebenden Klone sind in einheitlichen Quartieren zu Hause, ihr Arbeitsfeld wird das Stahl- & Eisenkombinat vor den Toren der Stadt sein.

Seit unserer gewaltsamen Vertreibung vom Blauen Planeten müssen wir gerüstet und gewappnet sein gegen die bevorstehenden Angriffe des Gegners. Unser friedliebender Staat ist in ständiger Gefahr. Der Feind kann überall sein. Die Konterrevolution wartet nur auf einen geeigneten Augenblick, um den Roten Planeten zu überfallen. Das dürfen wir nicht zulassen! Darum brauchen wir noch mehr verbesserte Waffen und ausreichend Munition. Jede Tonne Roheisen hält den Frieden aufrecht. Deshalb soll unsere neue Stadt den ehrenvollen Namen Stahlstadt tragen. Wir müssen leben, darum Stahl. (Minutenlanger Applaus.)“

Da ich davon ausgehe, dass der zukünftige Leser dieser Eintragungen in Geschichte nicht so gut bewandert ist, werde ich hier einige Dinge erklären. Der fürsorgliche Führer hatte im Jahre 2218 mit Hilfe von Klonen versucht, den Blauen Planeten von der Ausbeuterherrschaft zu befreien und durch den Interplanetarischen Kommunismus zu ersetzen. Die Revolution wurde jedoch verraten, der fürsorgliche Führer musste daraufhin mitsamt seinen Klonen auf den Mars und dessen Trabanten fliehen. Hier nutzte er die Chance, seine Vision von einer gerechten Gesellschaftsordnung umzusetzen und beseitigte mit seinem ersten Erlass die kriegerische Bezeichnung für den Roten Planeten (Mars – ein Kriegsgott) sowie für dessen Monde Phobos und Deimos ("Angst" und "Schrecken"), welche nun Marx und Engels heißen. Bald stellte sich heraus, dass der Rote Planet von einer Eisenoxidschicht überzogen ist, die sich photoelektrisch in Roheisen umwandeln lässt und der der Planet auch seinen rotbraunen Farbton verdankt. So wurde der Grundstein für die Industrialisierung gelegt.

...wird fortgeätzt...

[04:10:2006@e-city:de]

Montag, 2. Oktober 2006

Der Führer schenkt den Klonen eine Stadt, 2

"You’re so square / Baby, I don’t care."
(Buddy Holly)

EINTRAGUNG NR. 2

Übersicht: Ein seltsamer Traum. Sinfonie & Harmonie. Der Blick des Führers.

Als an diesem Morgen das allgemeine Wecksignal "Klone, hört die Signale" ertönte, wurde ich aus einem sehr seltsamen Traum gerissen. Gerade eben hatte ich zum wiederholten Mal unserem fürsorglichen Führer das Leben gerettet, doch als er sich wie üblich zu mir hinunterbeugte, um mir in die Wange zu kneifen, rutschte ihm plötzlich die Mütze vom Kopf und langes langes lockiges Haar wallte links und rechts herab. Der weiße Bart war plötzlich verschwunden und eine sanfte Hand streichelte mir anmutig das Haupt. „Mein Held“, flüsterte eine feminine Stimme. Just im entscheidenden Moment, als ich versuchte, das dazugehörige Gesicht klar zu sehen, dröhnte das allgemeine Wecksignal los wie die Posaunen von Jericho und zerstörte meine irrationalen Traumgespinste.

Alle Klone des Einzigen Demokratischen Volksstaates (E.D.V.) waren heute von einer freudigen, doch gezügelten Begeisterung ergriffen und entsprechend den Dienstgraden in blaugraue Paradeuniformen gekleidet. Kein Wunder, war doch der Y. Jahrestag der Großen Revolution der Geburtstag eines jeden Einzelnen von uns. In dem Transportraumschiff, welches uns von der kargen Mondlandschaft zur Oberfläche des Roten Planeten beförderte, erklang die Musik des guten alten Ludwig van: „Froh wie seine Sonnen fliegen / Durch des Himmels prächt’gen Plan, / Laufet, Brüder, eure Bahn, / Freudig wie ein Held zum Siegen.“ Diese Musik war angewandte Mathematik, hörbar gemachte Zahlenharmonie, klar wie Kristall. Die Anordnung der unterschiedlichsten Töne zu einem sinfonischen Ganzen sollte uns ein Vorbild sein, denn wie ein Dirigent mit eiserner Disziplin den Einzelwillen seiner Musiker bindet und zugunsten einer höheren Schönheit ordnet, so müssen auch wir Klone uns völlig dem Willen unseres fürsorglichen Führers unterwerfen, damit dieser aus unserem Zusammenspiel eine höhere Gesellschaftsordnung komponieren kann. So wie ein falsch gestimmtes Instrument für Missklang sorgt und ein ganzes Stück ruiniert, so kann auch ein falsch gestimmter Klon die ganze Gemeinschaft sabotieren. Hierzu war es notwendig, dass die Klone im Allgemeinen auf eine eigene Meinung verzichteten.

Das Transportschiff landete direkt vor dem östlichen Stadttor, durch das zu marschieren wir nun angehalten waren. Im Gleichschritt und zu quadratischen Formationen ausgerichtet stampften wir dem goldenen Zeitalter entgegen. Obwohl die strengen Marschregeln Augen geradeaus vorschrieben, riskierte ich doch einen Blick zur Seite, denn ich sah dies alles zum ersten Mal in meinem Leben: die schnurgeraden Straßen, das lichtfunkelnde Glas des Straßenpflasters, die langgestreckten Kuben der durchsichtigen Wohnhäuser, die quadratische Harmonie der blaugrauen Marschblöcke.

Die Stadt, neue Heimat für exakt 30.000 Klone, wird von zwei Hauptverkehrsstraßen (cardo und decumanus) durchzogen, die sich im Zentrum kreuzen. Dort war die Symmetrie zugunsten eines Zentralen Platzes, in dessen Mitte ein gigantischer Obelisk errichtet worden war, aufgehoben. Aus drei Himmelrichtungen marschierten die Klone auf den Platz zu, um sich vor einer Tribüne zu positionieren. Und dort war ER, der fürsorgliche Führer, und winkte uns allen zu – auch mir, denn für einen kurzen Moment sah ER genau zu mir herüber! Durch den Blickkontakt fühlte ich mich mit IHM und über IHN mit dem ganzen E.D.V. verbunden. Ich war nicht allein.

...wird fortgeätzt...

Sonntag, 1. Oktober 2006

Der Führer schenkt den Klonen eine Stadt

"You're so square / Baby, I don’t care."
(Buddy Holly)

EINTRAGUNG NR. 1

Übersicht: Eine Zeitungsnotiz. Der Vater des Volkes. Der rechte Winkel. Die ideale Stadt.

Ich gebe hier genau wider, was ich der heutigen Ausgabe unserer Staatszeitung Die Wahrheit entnehme: "Morgen, am Y. Jahrestag unserer Großen Volksrevolution, wird ein weiterer Meilenstein den Weg des unbeirrbaren Fortschritts pflastern. Der fürsorgliche Führer des Einzigen Demokratischen Volksstaates (E.D.V.) und Vorsitzender der Institutionalisierten Revolution (InRe) wird unter seinen getreuen Geschöpfen weilen und die neue Stadt – SEIN GESCHENK AN UNS – mit der Abnahme einer Militärparade einweihen. Dabei wird der revolutionäre Name unserer neuerbauten Stadt bekannt gegeben. Im Anschluss beginnt auf dem Zentralen Platz der Republik die gerechte Zuteilung von Wohnraum und der Lebenspartner. Für die gesamte Dauer des Tages ist Jubelstimmung angeordnet."

Darüber hinaus ziert die Titelseite der Staatszeitung, die aus Gründen der Papierkontingentierung nur einseitig erscheint, die Abbildung eines ungefähren Stadtplans (man muss stets vor Spionen auf der Hut sein) sowie, in derselben Größe, ein Foto unseres fürsorglichen Führers. Durch seinen weißen Bart hat ER das gütige und gleichsam gestrenge Gesicht eines liebenden Vaters. Und das ist ER auch: der Vater seines Volkes. O wie weise ist ER und ach wie unwissend sind wir! Wie gern würden wir unsere unwürdigen Leben hingeben für IHN, den vollendeten Menschen! Oft schon träumte mir des Nachts, dass ich die unverdiente Gnade bekäme, einen Anschlag auf den Führer zu vereiteln, indem ich mich schützend vor IHN warf und tapfer alle tödlichen Kugeln mit meinem Körper auffing. Der Führer zeigte sich jedes Mal so angetan von meiner Heldentat, dass er sich zu mir herunterbeugte, mir anerkennend in die Wange kniff und sagte: "Du hast dein Leben für das Wichtigste im Leben geopfert: für dein Vaterland."

Ich gerate schon wieder ins Tagträumen, dabei ist uns das ausdrücklich verboten. Der abgedruckte Stadtplan lässt trotz seiner Unbestimmtheit bereits die Großartigkeit der gesamten Stadtanlage erahnen und offenbart die idealste aller idealen Städte, das neue Jerusalem. Alles steht zueinander im rechten Winkel, denn jener ist das einzige Grundgesetz der vollkommenen mathematischen Harmonie. Der rechte Winkel ermöglicht uns das Konstruieren perfekter geometrischer Flächen und idealer architektonischer Körper; von Rechtecken und Quadraten, welche die chaotischen Unebenheiten des Roten Planeten in planen Baugrund verwandeln; von Quadern und Kuben, welche die Unendlichkeit des Raumes begrenzen und in ein menschliches Maß zwingen. Man kann sagen, der rechte Winkel ist die sichtbare Manifestation einer göttlichen Vernunft im Diesseits.

Die Stadt ist viereckig angelegt, ebenso lang wie breit. Sie ist zwölftausend Wegmaße lang und ebenso breit und wird von einer hohen gläsernen Mauer umgeben, die von vier Toren unterbrochen wird, für jede Himmelrichtung eines. Die Stadtmauer wurde auf zwölf Grundsteinen errichtet, auf denen die Namen der zwölf Märtyrer unserer Großen Volksrevolution stehen. Einen Tempel gibt es nicht in der Stadt. Unsere Kirche ist der Tempel der Arbeit, das Eisenwerk vor den Toren der Stadt, die hehre Kathedrale des Sozialismus. Wie sehr erwarte ich das Morgen, wenn die Zukunft endlich beginnt!

...wird fortgeätzt...

(01:10:2006@e-city:de)

Montag, 7. August 2006

Der unsichtbare Wohnkomplex

"I hope we live to tell the tale."
(Tears For Fears: Shout)

Ich mochte so zehn oder elf Jahre alt gewesen sein, als ich einen Bildband über Stalinstadt in die Hände bekam, der bei meinen Eltern von anderen Bildbänden eingezwängt und ganz oben im Bücherregal stand. Der Bildband war vom Beginn der sechziger Jahre und die Aura der leicht verblassten und verfälschten Farben der Fotos nahm mich auf Anhieb gefangen. Neugierig blätterte ich die Seiten durch und entdeckte dabei Ecken, die ich nie zuvor gesehen hatte. Es waren Alleen zu sehen mit prächtigen Blumenrabatten, Bronzeplastiken und Brunnenskulpturen und Hausaufgänge mit hervorstehenden Wandreliefs und begrenzenden Pilastern, und die Häuser hatten Erker, Säulen, Ornamente, Wandmosaiks und prachtvolle Terrassen. Ich war völlig gefangen genommen von diesen märchenhaften Stadtansichten – obwohl ich doch in der selben Stadt wohnte, die auf diesen Fotos abgebildet worden war.

Aufgeregt rannte ich zu meinen Eltern, die so linientreu waren, dass sie sogar vor der Farbe Rot salutierten, zeigte ihnen den Bildband und fragte, wo denn zu finden sei, was dort abgebildet war. Sie reagierten sehr unwirsch und der Situation völlig unangemessen, in dem sie mir das Buch wegnahmen und sagten, ich solle lieber den Müll rausbringen. Auch später frühstückten sie mich auf meine nachbohrenden Fragen hin mit solchen Elternstandards ab wie “Sei still und iss deinen Pudding!” oder “Räum erst mal dein Zimmer auf! Der reinste Saustall ist das wieder!”

Also schnappte ich mir mein diamantenes Damenrad und fuhr Achten durch die Stadt auf der Suche nach jenen geheimnisvollen Winkeln. Irgendwo musste es diese Ecken geben, da war ich mir sicher. Ab und an begegneten mir auch einige Stellen, die so aussahen, als ob, aber sie waren den von mir gesuchten nur ähnlich, nicht aber mit ihnen identisch.

Mit der Zeit verband ich die gesuchten Örtlichkeiten mit Ideen von einer besseren Welt und die Suche danach entwickelte sich bei mir zu einer Art Besessenheit. Nachts träumte mir manches Mal, dass ich beim Müll herunterbringen zwischen den Sträuchern einen bisher verborgenen Trampelpfad entdeckte, der mich geradewegs in jenen verwunschenen Wohnkomplex führte. In der Schule erzählte ich meinen Mitschülern von dem versteckten Wohnkomplex und sagte ihnen, dass es dort sogar Geschäfte mit westlichen Produkten, BMX-Räder und Skateboards gäbe. Zum Beweis zeigte ich ihnen den Bildband mit den verblichenen Fotos. Sie glaubten mir und die Sache sprach sich wie ein Lauffeuer herum, so dass ich schon bald beim Direktor erscheinen musste. Der Rektor war außer sich vor Wut, nahm mir das Buch weg und schrie, dass es so etwas noch nicht gegeben hätte. Der versteckte Wohnkomplex sei ein missglückter Versuch gewesen, habe darum nie existiert und werde auch nie existieren. Dann zerriss er das Buch und drohte mir mit einem Schulverweis, wenn ich weiter “solchen Unsinn verbreiten” würde.

Der Wutversprecher des Direx‘ machte mich hellhörig und bestätigte mich in meinen Auffassungen. Am selben Tag nahm mich meine Deutschlehrerin, eine sehr patente ältere Dame, beiseite und klärte mich über die wahren Umstände des versteckten Wohnkomplexes auf. Als die Stadt in den fünfziger Jahren erbaut wurde, begann man mit der Errichtung eines vorbildhaften Stadtteils, in dem der neue Mensch heranreifen sollte. Alles war auf das harmonischste und nach neuesten Gesichtspunkten und Erkenntnissen gestaltet und für alles war gesorgt, denn die Bewohner sollten sich wohl fühlen. Schon bald fühlten sich die Bewohner so heimisch, dass sie ihr Zuhause nicht mehr verlassen wollten, nicht einmal, um zu arbeiten. Das gefiel natürlich niemandem von der Regierung und man versuchte, durch Argumentation, Wandzeitungen und Drohungen die Leute zum Arbeiten zu bewegen. Diese waren jedoch durch keinen Eingriff von außen dazu zu bewegen. Im Gegenteil: sie schirmten sich immer mehr von der Außenwelt ab und legten stattdessen kleine Gemüsebeete und Obstgärten auf den Rasenflächen an. Da beschloss die DDR-Regierung die vollständige Evakuierung und Zerstörung des Stadtviertels und die Errichtung eines herkömmlichen Wohnkomplexes mit langweiliger Zeilenbebauung und Wäscheplätzen dazwischen.

Und so kennen wir die Stadt heute noch. Nur auf höchst seltenen alten Ansichtskarten und bei Herbstnebel ist der verloren gegangene Wohnkomplex für Menschen mit reinem Herzen noch zu sehen. Auch sollen einzelne Reste, mittlerweile von Sträuchern überwuchert, im Innenstadtbereich (gemeint sind die Wohnkomplexe II und V) überdauert haben, z.B. die ehemalige HO-Gaststätte “Aktivist” oder der kleine Pavillon an der Kreuzung Friedrich-Engels-Straße/Poststraße.

(c) 06:08:2006@e-city:de

Fotos (2): Peter Montage

Montag, 8. Mai 2006

Stahlwerk Orange. Romanfragment.

„In einer Welt, in der man nur noch lebt,
damit man täglich roboten geht,
ist die größte Aufregung, die es noch gibt,
das allabendliche Fernsehbild.
Jeder Mensch lebt wie ein Stahlwerk,
wie ein Computer programmiert.
Es gibt keinen, der sich dagegen wehrt,
nur ein paar Jugendliche sind frustriert.“
(Die Toten Hosen: Hier Kommt Alex!)


„Hej – was geht ab?“
Da saßen wir nun, das heißt ich, Alex, und meine drei Droogs Ben, Ken und Sven, in der Mokka-Milch-Eisbar und überlegten, was wir mit diesem jungen Frühlingsabend anstellen sollten. Die Mokka-Milch-Eisbar war der einzige Ort in Satelittenhüttenstadt, an dem man Schwedeneisbecher löffeln oder aber die obergeile Fruchtmilch Plus, die Lust auf mehr machte, ordern konnte. Den Nachmittag hatten wir in der nahe gelegenen RFT-Plattenbutike verbracht, um die neuesten Scheiben des guten alten Ludwig van oder vom wirklich begabten Amadeus zu sluschen.

Nun waren die Geschäfte, bis auf die Spätkaufhalle Fix, geschlossen, und die Straßen waren noch öder als am Tage. Im Kaufhaus Magnet gingen gerade die Lichter aus. Doch es war eindeutig noch zu früh, sich jetzt heimwärts zu trollen. Darüber hinaus waren wir spitz wie Lumpi und wollten uns jeder noch eine Devotschka angeln, um mit ihr das alte Rein-Raus zu veranstalten.

Euer ergebener Erzähler hatte sich bereits eine liebliche Fruchtschnitte ausgekuckt. Sie saß in so nem Teil, dass die Schultern frei ließ, inmitten ihrer Freundinnen am anderen Ende der Milchbar und hatte elfenhaft braunes Haar, das sich wie ein Wasserfall über die marmorne Haut ihrer entblößten Schultern ergoss. Die Nacktheit ihrer Schultern brachte mich dazu, sie in meinen Gedanken weiter zu entblättern, bis ich schließlich die rosa Blüten ihrer zarten Rose zu sehen bekäme…

„Hej – was geht denn nun?“ Ken riss mich mit seiner dämlichen Frage, die den Grad seiner Unselbständigkeit bewies, jäh aus meinen Gedanken. Das machte mich völlig rasdras und ich gab ihm einen gezielten Toltschock in sein Litso. Ken glotzte besumni zurück, sagte aber nichts. Ben und Sven smeckten. Eins war Sache, wir mussten uns ein bisschen Valuta organisieren, denn: ohne Moos nix los. Die Ladys wollten umsorgt sein, bevor man es ihnen besorgte.

Satelittenhüttenstadt ist eine geplante Stadt, am Reißbrett entstanden, auf Anweisung von Ganzoben. Auf dem Reißbrett, also in der Draufsicht, mag sie gleichmäßig und harmonisch erscheinen, doch die Draufsicht ist die Perspektive eines über den Dingen stehenden Gottes. Aus der Innenansicht, also der menschlichen Perspektive, wirkt sie langweilig und ungemütlich. Alles hier steht im rechten Winkel zueinander: die Straßen, die Häuserblocks, die Rasenflächen vor den Häuserblocks, die Wäscheleinen innerhalb der Rasenflächen und die Fußwege um die Rasenflächen herum. Wenn es viereckig blühende Blumen und kubisch wachsende Bäume geben würde, hätten die Architekten auch diese für Satelittenhüttenstadt verwandt.

Mein Plan sah vor, gemeinsam mit Ben einen Wagen zu krasten, um die Devotschkas an den Stadtrand, zur Skiwiese zu chauffieren. Ken und Sven sollten indessen mit dem alten Timurtrick die Kassiererin im Fix übertölpeln und so die Ladenkasse der Spätkaufhalle plündern. Wir mussten fertig sein, bevor das Eisenkombinat seine Spätschichtler ausspuckte und die Stadt kurzzeitig zum Leben erweckte. Nach gelungener Operation wollten wir uns an den Strauß junger, ungepflückter Blumen heranmachen und sie mit ordentlich Fruchtmilch Plus abfüllen. Ich konnte es kaum erwarten, der kleinen Prinzessin mit dem wallenden Haar mein Königreich zu zeigen…

(08:05:2006@e-city:de)