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Sonntag, 21. März 2010

E.i.h.ü.: Bad Freienwalde


Letztes Jahr tourte euer ergebener Stadtanachronist Andi Leser durch die Mark Brandenburg und weilte dabei auch im wunderschönen Bad Freienwalde, dem lieblichen Kurort am Rande des Oderbruchs. In der ältesten Kurstadt der Mark (seit 1684) verbrachte die preußische Königswitwe Friederike von Hessen-Darmstadt um 1800 ihren Lebensabend. Das oben abgebildete Witwenschloss war nach Plänen des Architekten David Gilly entstanden, der auch den klassizistischen Umbau des barocken Schloss Steinhöfel bei Fürstenwalde vollbrachte (Tipp: unbedingt Schloss und Park besuchen). Das Freienwalder Schloss wurde 1909 von Walter Rathenau gekauft und aufgehübscht. Rathenau fiel 1922 als Außenminister der Weimarer Republik einem Attentat von Antisemiten zum Opfer, die ihn mit einer Handgranate ermordeten. Allerdings in der Berliner Königsallee. Sieben Jahre später wurde im Wald von Bad Freienwalde die Prostituierte Emilie Parsunke aus Bernau, genannt "Mieze", damalige Geliebte des ehemaligen Zuchthäuslers Franz Biberkopf, von dem grobschlächtigen Luden Reinhold ermordet. Allerdings fand dieser Mord nur im Buch "Berlin Alexanderplatz" von Alfred Döblin statt - oder wahlweise vor einigen Monaten in der Berliner Schaubühne und mit einem großartigen und glaubwürdigen Sebastian Nakajew als Franzeken Biberkopf in der Hauptrolle.


Doch nun zum eigentlichen Thema. Eisenhüttenstadt ist halt überall (E.i.h.ü.), eben auch im halb klassizistischen, halb gründerzeitlichen Bad Freienwalde. Wenn man nämlich vom Bahnhof kommend auf gerader Straße zum Marktplatz mit Rahthaus und Kirche und Museum sich begibt, dann sieht man auf halber Strecke das alte Postgebäude stehen. Die neoklassizistisch beeinflusste Architektur verrät die Zugehörigkeit zur Epoche der Nationalen Bautradition der DDR und somit auch die 1950er Jahre als Aufbauzeit. Der gelbe Briefkasten vor der Tür (heute: Deutsche Post) und die grau-rosa Telefonzelle (heute: Telekom) sowie die zahlreichen Details an der Fassade verraten die angedachte Funktion und Nutzung als Postamt.


Leider passten nicht alle - mir will die korrekte Bezeichnung nicht einfallen, nennen wir sie halbplastische Fassadenbilder aufs Bild. Was ist zu sehen? Symbole sind zu sehen, Symbole, die etwas über die verschiedenen Epochen der Kommunikation vermitteln. Ein Hut mit Peitsche (der Postkutscher), ein Posthorn (hier: Symbol der DDR-Post), ein Telefon (Stasi?, kleiner Scherz), eine Taube mit Kuvert im Schnabel (poetisches Bild einer Brieftaube). Falls noch nicht geschehen, stelle ich dieses Haus hiermit unter Denkmalschutz, notfalls unter meinen persönlichen. Zum heutigen Frühlingsbeginn kann ich Bad Freienwalde als Ausflugsziel uneingeschränkt empfehlen, Bedingung ist wie so oft, das Wetter muss mitspielen.

Fotos: alle3vonmir

Donnerstag, 18. März 2010

E.i.h.ü.: Viertorestadt Neubrandenburg


Eisenhüttenstadt ist halt überall (E.i.h.ü.). So lautet das Motto. Gemeint ist das Dejavu eines Hüttenstädters, das sich einstellt, wenn er in eine bisher unbekannte Stadt kommt und dort etwas in der Häuserarchitektur vertrautes sieht, genauer gesagt, Bauten, die aussehen, wie die in den ersten drei Wohnkomplexen. Dieses Dejavu hat mit dem Baustil zu tun, der überall in der DDR vorherrschend war, zumindest in den ersten fünf bis sechs Jahren der noch jungen Republik. Dieses Dejavu hat mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun, der überall in Deutschland innerstädtische Baulücken oder vielmehr Brachland hinterließ. Das Dejavu hat aber auch damit zu tun, dass die DDR eine Diktatur war, denn nur ein zentraler Herrscherwille mit absolutem Machtanspruch konnte im gesamten Land einen einheitlichen Architekturstil per Beschluss verordnen. Aus diesem Grund finden wir Fassaden im Sinne einer "Nationalen Bautradition" in verschiedenen Städten Ostdeutschlands. In Stalinstadt, in der Berliner Stalinallee, in Dresden, in Schwedt, in Brandenburg, ... - und eben in Neubrandenburg.


Die Stadt am Tollensesee gibt es seit 1248, obwohl die vorausgegangene Klostergründung am 18. August 1170 vom Datum her passender klingt, denn auch Eisenhüttenstadt wurde an einem 18. August gegründet, nur eben 780 Jahre später. Leider wurde die Innenstadt von Nigen-Bramborg (plattdeutsche Bezeichnung) am 29. April 1945 kriegsbedingt zerstört, vermutlich ein Racheakt der Roten Armee. Zu DDR-Zeiten durfte dies nicht offen thematisiert werden, es galt der Mythos vom Noble Savage Rotarmisten. Dafür wurde ab 1952 wiederaufgebaut. Übrig geblieben war eigentlich nur die alte Stadtmauer, die das Trümmerfeld (als solches sehe ich das Zentrum vor meinem geistigen Auge) umschließt und mit ihren vier Toren und den 24 Wiekhäusern allerdings ziemlich komplett erhalten ist.


Nun hatte man das Problem: das Eckige muss ins Runde, die modernen Wohnkästen mussten ins Rund der Stadtmauer eingepasst werden. Der Wiederaufbau orientierte sich am alten Straßenverlauf, die Bauten bekamen individuelle Fassaden, Renaissancegiebel, Mittelrisaliten, Portale und diesen ganzen Zuckerbäckerschnörkel, der diese Architektur auszeichnet und schnell erkennbar macht. So entstand analog zur Stalinstadt die wohl erste sozialistische Innenstadt der DDR. Das Schicksal der von einer mittelalterlichen Stadtmauer umzingelten sozialistischen Innenstadt sollte übrigens 20 Jahre später Bernau bei Berlin auch ereilen, nur dass hier nicht Rotarmisten Schuld an der Zerstörung der historischen Bausubstanz tragen, sondern die Planwirtschaftbürokratie mit ihren fantasielosen Miesepetern und geschichtslosen Schreibtischtätern.

Eisenhüttenstadt ist halt überall, auch in der Viertorestadt Neubrandenburg.

Donnerstag, 28. Januar 2010

Unsterblich und nun tot

Jerome David Salinger, Autor von Der Fänger im Roggen, ist am Mittwoch im Alter von 91 Jahren verstorben. Salinger, dem in jungen Jahren von Ernest Hemingway "verdammtes Talent" bescheinigt worden war, schaffte, wovon viele Literaten träumen: Mit einem einzigen Roman erlangte er Weltruhm und sein Name wurde unsterblich. Seine Geschichte um den Schulversager Holden Caulfield verkaufte sich seit 1951 rund 25 Millionen Mal. Das Buch gehört mancherorts zur Schullektüre. Seit 1965 hatte Salinger dann keine Bücher mehr veröffentlicht, sein letztes Interview gab er im Jahr 1980.

Was die Nachrufe verlegen verschweigen: The Catcher in the Rye hatte Mark David Chapman seinerzeit dazu "inspiriert", am 8. Dezember 1980 meinen Lieblingsbeatle John Lennon zu erschießen. Seit seiner Kindheit sei Chapman angeblich von dem Buch besessen gewesen. Merkwürdigerweise ist der Mittelname bei Autor und Mörder gleich: David.

"Am 8. Dezember verließ Chapman gegen 14:00 Uhr das Hotel, kaufte zuerst Lennons LP Double Fantasy und dann in einem Schreibwarenladen eine Ausgabe des Romans Der Fänger im Roggen, seine eigene Ausgabe hatte Chapman in Hawaii vergessen." (Quelle: Wikipedia) Chapman hatte darin die Aufforderung "gelesen", eine Berühmtheit zu ermorden, um mit dieser Wahnsinnstat wahlweise das Buch oder sich selbst berühmt zu machen. Was ihm ebenso gelang, wie einst dem griechischen Hirten Herostratus, der aus reinem Geltungsbedürfnis im Jahr 356 v. Chr. ein Weltwunder in Brand steckte und dadurch zu zweifelhaftem Ruhm kam.

Mir ist übrigens mit J. D. Salingers einzigem Roman auch mal etwas verrücktes passiert. Als der Sonnenallee-Autor Thomas Brussig am 23. Oktober 1996 im Eisenhüttenstädter Mercedes-Autohaus zu einer Buchvorstellung inklusive Lesung weilte, war ich auch anwesend. Thomas Brussig stellte damals gerade seinen (meiner Meinung nach von Philip Roths Pupertätsroman "Porntoy's Complaint" inspirierten) Wenderoman "Helden wie wir" vor. Im Anschluss gab es die üblichen Fragen: Wie haben Sie Schreiben gelernt? Was haben Sie sich dabei gedacht? Schreiben Sie schon das nächste Buch? Unter anderem auch die Frage: Welches Buch hat Sie dazu gebracht, eine schriftstellerische Laufbahn einzuschlagen? Antwort: "Der Fänger im Roggen". Genau das Buch hatte ich damals im Rucksack dabei, allerdinx nicht dieselbe Ausgabe. Toll, nicht?

Als ich es beim Signieren auspackte und vorzeigte, schien der Brussig nicht überrascht, guckte eher abwesend an mir vorbei. Naja, mich hat das Buch auch nicht sonderlich überrascht, verstehe den ganzen Hype um Holden Caulfield nicht so ganz. Das Buch hat John Lennon getötet! Das sollte allen Deutsch- und Englischlehrern mal zu denken geben!

Montag, 28. September 2009

Münte, Böhning, Ströbele und ich

"Der große Abreißkalender an der Wand zeigte eine 27, eine schwarze 27."
(Kurt Tucholsky - Schloss Gripsholm)


Euer ergebener Andi Leser ist am Wochenende unversehens in die Fußstapfen des rasenden Reporters Egon Erwin Kisch gestiegen und ganz gekonnt darin ausgerutscht. Eindeutig zu groß! Euer Lokalreporter Andi Leser weilte am Wochenende in der Bundeshauptstadt und surfte dort durch den Fundus der sich bietenden Möglichkeiten, ohne jedoch eine davon zu ergreifen. Doch schön der Reihe nach.

Es war Samstag. Einen göttlichen Spätsommertag ausnutzend, begub ich mich ins Friedrichshainer Café Schönbrunn, um dort im Grünen ein Alsterwässerchen zu genießen. Plötzlich marschierte Franz Müntefering (69) mit seiner Posse vorbei und verteilte freundlich rote Rosen an junge Damen. Als die Röslein rot verteilt waren, setzte er sich mit SPD-Kandidat Björn Böhning (31), dessen Wahlkampf er damit unterstützen wollte, an den Nebentisch. Die beiden unterhielten sich so leise, dass ich kein Wort aufschnappen konnte, so sehr ich auch die Ohrfalten nach außen klappte. Nicht einmal einen Fotoapparat hatte ich dabei. Nur Schloss Gripsholm von Kurt Tucholsky.

Und während die beiden gemütlich palaverten, kam ein weißhaariger Mann angeradelt und verteilte dynamisch Handzettelchen. Das ätherische Männlein, dass dort so Gandalf-gleich umherschwebte, war kein geringerer als der ehemalige RAF-Anwalt und heutige Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele (70). Und während Björn Böhning statisch an der Lokalität kleben blieb und auch sonst sehr inaktiv rüberkam, schwang sich Ströbele schon wieder auf sein Ökorad und huschte elfenartig davon, zum nächsten Wahlpunkt, zum nächsten Kieztreff.

Was mich an diesem Großstadtausschnitt so verwundert ist der Fakt, dass ausgerechnet der Älteste der drei genannten Personen am beweglichsten erschien. Björn Böhning, der nicht mal halb so alt ist wie Ströbele, benahm sich hingegen großväterlich und verteilte lustlos rote Luftballons. Bei der SPD war da wohl schon die Luft raus.

Wusste Björn zu diesem Zeitpunkt bereits, wie es um die SPD bestellt war? Hatte ihm Münte soeben geheime Vorabergebnisse aus dem Twitter-Universum überbracht, die die sozialdemokratische Niederlage um einen Tag vorwegnehmen sollten? Hatte alles schon keinen Sinn mehr? Die Szenerie wirkte ein wenig prophetisch.

Natürlich ist das alles sehr subjektiv. Ich habe ja nur ein kleines Zeitfenster durchschaut und damit noch lange nicht die Lage erfasst. Ich hätte ein Foto machen können und nacheinander die Drei ansprechen sollen. Egon Erwin Kisch hätte das sicherlich so gemacht und dabei noch mir Unsichtbares entdeckt. Das nächste Mal bin ich vorbereitet. Das nächste Mal.

Freitag, 10. Oktober 2008

Hütte-Abend im Zeughaus-Kino

Immer wieder erreicht mich die Frage: "Andi, wieso schreibst du Stahlinstadt mit 'h'?" Nun will ich die Sache ein für alle mal klarstellen. Ganz einfach: es heißt ja auch Stahlindustrie und nicht Stalindustrie.

Mein lieber Blogsbruder Ben vom Eisenhüttenstadt Blog hat mich doch tatsächlich überreden können, gestern ins Zeughaus-Kino in Berlins Mitte zu kommen. Dort wurden vier sehenswerte historische Dokus gezeigt, die sich mit ehemals neuen Eisenhütten- und Betonstädten in der DDR beschäftigten.

Ich habe es nicht bereut. Beim Eintritt in den Sesselsaal vernahm ich leise Jazzmusike aus dem Hause Blue Note Records und erkannte sogleich den Interpreten, den genialen Bud Powell (bitte nicht mit Baden Powell verwechseln) mit seinem verrückten Klavierbonbon "Un Poco Loco". Ob die allmächtige Matrix damit etwa mich und meinen kalauernden Kompagnon meinte?

Bereits die ersten Bilder des Films "Bild aus hunderttausend Steinen" waren ein Vergnügen. Bonbonfarbener Fünfziger-Jahre-Schick durchblumte eine lebendig quirrlende Stalinstadt. So habe ich mir das immer gewünscht und Otto Schutzmeister vermutlich auch. "Ein sozialistisches Shangri-La" nennt es der Junge von nebenan in seiner Besprechung. Der Wändekünstler Walter Womacka stieg mit einem Kompagnon aus einem Bus mit Werksarbeitern und strebte dem Rathaus (egtl. Hausse der Parteien und Massenorganisationen)... [hier fehlt ein Teil des Textes]

Der Film zeigt, wie aus einer Idee ein Bild und schließlich ein Mosaik wird. Eine Heidenarbeit! Nun sehe ich das Mosaik im Foyer des Rathauses mit ganzen anderen Augen und will unbedingt demnächst wieder hin. Sogar Obama ist oben rechts abgebildet. Da hätte die allmächtige Matrix anfangs auch noch den Blue Note-Klasiker "Mosaic" von Art Blakey & his Jazz Messengers einspielen können, aber vielleicht waren Ben und ich da noch draußen an der Kasse.

Alles weitere könnt ihr nebenan lesen. Tschüß!

Donnerstag, 24. Mai 2007

Vorsprung durch Techno

Dies ist ein dem Thema angemessener Remixartikel. Das bedeutet, dass der ursprünglich verfasste Blogeintrag neu zusammengesetzt und dabei die Reihenfolge der Absätze verändert wurde. Viel Spaß beim Lesen der nachfolgenden Zeilen im Techno-Takt:

INTRO
Einer schlägt einen Purzelbaum.
Der andere hälts für einen Traum,
reibt sich die Augen und glaubt es kaum:
Was hat doch Hütte für ein Glück,
der Technologe Paul van Dyk
kehrt in die Stadt seiner Geburt zurück.

BUMM
Eisenhüttenstadt hat sich seither stark verändert, Paul van Dyk ebenso. Während es in den 1990er Jahren mit der Stadt abwärts ging und die Einwohnerzahlen schrumpften, ging es für PvD steil nach oben und die Zahl seiner Anhänger wuchs. Mittlerweile wurden im Diesterwegring einige Plattenbauten platt gemacht (um mal einen platten Wortwitz einzustreuen). Auch Paul hat die Platte völlig aus seinem Repertoire verbannt. Seine Sets sind digitalisiert und kommen nun von Laptops via Mischpult in die Gehörgänge.

BUMM
Es ist kein Geheimnis mehr: Der DJ Paul van Dyk wird zum Stadtfest im August die Hütte rocken. Damit kehrt der umtriebige Techno-Pionier und Produzent nach über sieben Jahren in seine Heimatstadt zurück, in welcher er 1971 den allerersten Ton vernommen hat. Vom Baby zum Kleinkind - im Diesterwegring des VI. Wohnkomplex' verbrachte er vier prägende Lebensjahre, bevor seine Mutter mit ihm nach Ostberlin zog. Vielleicht führten ja ausgerechnet die frühen Kindheitsjahre in einer fortschrittsgläubigen Stadt noch dazu in den technikbegeisterten 1970er Jahren zu Pauls Interesse an Advanced Electronic Music? Wer weiß, wer weiß.

BUMM
Mittlerweile kann Apostel Paul auf eine riesige Technogemeinde verweisen. Drei Millionen verkaufte Tonträger, regelmäßige Radioshows auf Radio Fritz, Sunshine Live und Sirius (New York), sowie gigantische Live-Auftritte, bei denen er locker mal 30.000 Menschen (Sylvester 2006: L.A. Sports Arena) zum Zappeln bringt, belegen seine weltweite Popularität. An dem eigentlichen Geburtstag der Stahlstadt, dem 18. August, weilt PvD in New York City, wo er seinen alljährlichen Gig im Central Park absolviert. Ich bin ja gespannt, was auf dem Stadtfest so abgehen wird. Mit ziemlicher Sicherheit wird er dort auch etwas aus seinem aktuellen Album IN BETWEEN das im August 2007 erscheinen soll, zum Besten geben. Ich wäre ja echt scharf auf ein kleines Interview für dieses Logbuch. Mal sehen...

BUMM
Der Fall Paul van Dyk belegt, dass aus einem Hüttenstädter durchaus etwas werden kann, wenn er nur rechtzeitig diese Stadt verlässt. In Ostberlin begeisterte sich Matthias Paul - wie er eigentlich heißt - für die aufkommenden elektronischen Sounds der 1980er, allen voran Depeche Mode und New Order, für die er mittlerweile auch schon den einen oder anderen Remix gebastelt hat. Im März 1991 - mit 19 Jahren - legte er das erste Mal im Berliner Technoschuppen Tresor auf. Nachdem er den Tresor geknackt hatte, setzte er das E-Werk unter Strom und elektrisierte nach und nach eine zunehmende Schar Tanz- und Hörwilliger.

Coda: Die Überschrift ist selbstverständlich an den fast schon sprichwörtlichen Audi-Slogan "Vorsprung durch Technik" angelehnt, der wiederum von der Dyk-Compilation VORSPRUNG DYK TECHNIK als auch schon von U2 in deren Albumopener ZOOROPA zitiert wurde: "Zooropa...Vorsprung durch Technik / Zooropa...be all that you can be / Be a winner / Eat to get slimmer."

HDR-Foto: zickenines (flickr)

Donnerstag, 19. April 2007

Das Hotel Lunik in Babylon

Wieder einer mehr. In einer multimedial durchnetzten Welt, die ganz stark von Bildern lebt, dient beinahe jeder Ort als Kulisse für Filmaufnahmen. Auch Eisenhüttenstadt, ein trister und fader Ort, den wir alle so sehr lieben, taugte schon desöfteren als Bühne für filmisch erzählte Geschichtchen. Gestern nun wurde eine neue Seite in der Filmografie der Stahlarbeiterstadt aufgeschlagen, denn LUNIK, ein Film von Gilbert Beronneau, erlebte in Berlin seine Premiere.

Grund genug für Filmfritz Andi Leser sich aufzumachen nach Babylon. Damit ist nicht etwa Berlin selbst gemeint oder gar Bagdad, das ja in der Nähe des alten Babylon liegt, sondern das Kino Babylon in Mitte, wo LUNIK als Auftakt zum Festival Achtung Berlin vor einem erwartungsfrohen Publikum gezeigt wurde.

Was soll ich sagen? Die 6 Euro fünfzig hätte ich mir ruhig sparen können. Eine wirre Geschichte in Überlänge, reichlich angefüllt mit überflüssigen Dialogen und unterlegt mit disharmonischen Klängen, die auf die Dauer mächtig nervten. Die Familie Lunik führt ein Hotel, das keine Zimmertüren mehr hat und ohne zahlende Gäste auskommt. Die einzigen Gäste sind eher Gratisbewohner einer merkwürdigen Kommune. Während Franz Lunik sein pseudokommunistisches Experiment aus- und damit die permanente Pleite erlebt, versucht sich sein Cousin Toni als Unternehmer, der nebenan eine Bar mit Leben und so die leeren Kassen mit Geld füllen möchte.

Um nicht vollkommen ohne das liebe Geld auszukommen, überfallen Franz und seine Schwester Babett ab und an eine Tankstelle oder auch mal den Marktkauf, wo sie eine Verkäuferin erschießen (nicht zur Nachahmung empfohlen). Der Polizeikommissar, der diese Überfälle untersuchen soll, trägt nichts zur Aufklärung bei, sondern vielmehr zu ihrer Verschleierung. Der Herr Kommissar springt viel lieber mit der attraktiven Babett ins Bett – ist ja auch mal ganz nett, denn gespielt wird sie von Anna Maria Mühe. Er scheint irgendwie auch kaum arbeiten zu müssen, sooft wie er sich aus privaten Gründen im Hotel Lunik aufhält und dort frühstückt, übernachtet oder herumsitzt.

Nebenbei gibt es noch ein paar weitere debile Gäste, die sich gegenseitig nerven, wie es nun mal Menschen in ihrem Zusammenleben häufig tun, und mit Sinnlosdialogen und Diskussionen die Zeit totschlagen. Am Ende bleibt nichts. Kein Geld, kein aufgeklärtes Verbrechen und kein Schimmer, was der Film überhaupt bedeuten sollte. Muss denn immer alles etwas bedeuten? Ja! Äh, nein. Dieser Film ist wahrlich ohne Bedeutung. Bedeutungslos.

p.s. 1: Halt, es bleibt doch etwas! Das Filmteam hatte die geniale Idee, diverse Buttons mit dem Lunik-Logo (ein Halbmond mit Fahne) anzufertigen und als Gimmick an interessierte Buttonträger auszuteilen. Das ist doch mal etwas!

p.s. 2: Wer noch mehr über die Filmpremiere lesen möchte, der schlage bitte das EH-Blog auf der folgenden Seite auf.
~

Dienstag, 27. Februar 2007

Das Wetter von heute, liebe Leute!


Unsere freie Aufemlandkorrespondentin zickenines hat heute morgen einen Blick aus dem Fenster und auf den Himmel über Eisenhüttenstadt getan - siehe oben. Zum Trost aller Stahlinstädter sei hiermit verkündet, dass der Himmel über Berlin genau so aussieht. Nur nicht mit diesen prachtvollen Einfärbungen - siehe oben. Das eigentlich graue Eisenhüttenstadt wirkt auf diesem Foto viel farbenfroher als das eingegraute Berlin. Dickes Lob an unsere Fotofreundin! So will ich diese Stadt haben.

Montag, 30. Oktober 2006

Eisenhüttenstadt in Berlin

"It’s Hardcore-Punk, Baby!" So lautete am Abend des 28. Oktober das Motto im Koma F in der Køpi, mitten in der Mitte der Hauptstadt. Dies wäre angesichts des autonomen Häuserkomplexes ja nichts wirklich Verwunderliches oder außergewöhnlich Erwähnenswertes, wenn da nicht eine Stadt involviert wäre, die wir alle gut kennen und die vor Ort nur als Schüttstadt bezeichnet wurde. Der Punkabend wurde nämlich von drei Bands bestritten, die zum Teil oder völlig aus Musikern der Stahlarbeiterstadt bestanden als da wären:

- Køterkacke (Kiezpunk aus F-Hain)
- Stalinstadt Ensemble (Werkscore aus Schüttstadt)
- Sax & Violins (80s Hit-Tanzkapelle aus DD)

Grund genug für mich, mal wieder meinen guten Konzertpullover anzuziehen und mit dem RE1 nach Berlin zu juckeln. Im Koma F angekommen, entdeckte ich lauter bekannte Gesichter, es war wie ein Heimspiel im Café Olé: Radi & Schnitzel am Einlass, Lothi & Andrea anna Bar und Linda, Hoppel, Enno, Dirk, Olli usw im Publikum. Und das alles für 1 Euro Eintritt, Allah sei Dank!

Den Auftakt machte das als "Punk-Brigade" angekündigte Stalinstadt Ensemble, welches die anwesenden Punks sogleich zum Pogen brachte. Euer geschätzter Andi Leser, der zu Recherchezwecken für Euch fotografieren wollte, musste sich in Acht+Bann nehmen, denn in dem niedrigen und übervollen Kellergewölbe blieb kein Raum für Sicherheitsabstand. Irgendwann riefen einige Ungeduldige: "Køterkacke! Køterkacke!" Linda, Frontmann beim SSE, konterte: "Man, ihr habt doch in Berlin genug Köterkacke! Überall Köterkacke auf den Straßen!"

Irgendwann nach Mitternacht sind dann die Lokalhelden am Ruder, das Trio Køterkacke. Wohlgemerkt, hier ist nur die Bassistin Lothaar Rothaar (vormals Dead Kaspar Hausers) aus Hütte. Schweißmoleküle verteilen sich in der Luft. Wieder wird gepogt und ich bekomme Bilder zu sehen, die ich mir nicht hätte träumen lassen: Einer der Tanzwütigen schüttelt seine Bierpulle so heftig, dass Gesternsaft an die niedrige Kohlenkellerdecke spritzt. Mit geöffnetem Mund fängt er einige der Tropfen, die von der Schwerkraft wieder nach unten gezogen wurden, auf und schluckt sie hinter. Wohl bekomm’s! Auch Blut floss, wenn auch wenig, allerdings nicht von der Decke, sondern aus einer Platzwunde.

Der Dritte in der Berliner Mitte war die Dresdner Tanzkapelle Sax & Violins (vermutlich benannt nach einem Song der Talking Heads), hier wohnte der Schlacherzeuger Hoppel einst in der Hüttenstadt und in meiner unmittelbaren Nachbarschaft. Mit altbekannten Titeln ausse Achtziger ging es Richtung Disko (ich persönlich vermisste Tragedy) und der Pogotanzstil beruhigte sich ein wenig. Vom life gespielten Boys Don’t Cry ging’s irgendwann über zu Girls Just Want To Have Fun von der Konserve. Der CD-Player hatte ne Macke, so dass dieser Song an die fünf Mal ins Programm sprang.

Am Ende des Abends, so gegen vier, hatte ich viele schöne Fotos, ein Paar ruinierte Turnschuhe, schwarze Kohlenstaubpopel in der Nase und jede Menge Spaß gehabt.