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Mittwoch, 20. Juni 2012

Wir sehen uns Schwedter!

Wie im vorangegangenen Beitrag verkündet, busste ich mit der 3ten Generation Ost elf Tage lang durch Neufünfland. Der erste Stationshalt war Schwedt - wie Eisenhüttenstadt eine Neustadt an der Oder. Es gibt da noch eine weitere Gemeinsamkeit, die jedem Betrachter dieser Seite sogleich auffallen dürfte, nein: müsste. Auch die Schwedter sind Bürger von Welt und gaben sich einst die Kugel. Die Erdkugel von Axel Schulz. Hier steht sogar das Original, mit güldenem Stern.

Samstag, 26. Mai 2012

Omnibus für eine Generation

Wer über die nötige Portion Asterix-Latein verfügt, der kennt sicherlich den Ausspruch Sol lucet omnibus und weiß, dass Omnibus zu deutsch "für alle" bedeutet. Der Omnibus ist also ein Verkehrsmittel für alle, ein zutiefst demokratisches Transportmittel (auch wenn es mittellose und des Portmonnaies verlustig gegangene Menschen erstmal ausschließt). Euer ergebener Erzähler wird nächste Woche auf einen Bus aufspringen, der sogar eine ganze Generation transportieren soll. Die 3te Generation Ostdeutschland, zu der Andi Leser sich ebenfalls rechnet, umfasst die letzte in der DDR geborene Generation. Als zeitlichen Rahmen haben die Strategen vom Strategieteam die Dekade 1975 bis 1985 angegeben, innerhalb der man geboren sein sollte, um sich zugehörig zu fühlen. Diese Generation ist in zwei Systemen aufgewachsen - die Kindheit hat sie in der DDR, die Jugend in der BRD verlebt (dementsprechend verlebt sieht sie auch aus, ha ha).

Die Dritte Generation Ost kutschiert nun durch Neufünfland und macht sich auf die Suche nach ihren Altersgenossen in der ostdeutschen Provinz. Dazu fährt eine Busladung von Berufsjugendlichen (sag ich mal so frech) in die fünf östlichen Bundesländer Brandenburg, Mecklenburg (ohne Vorpommern), Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt plus Berlin als Ausgangs- und Zielpunkt. Erster Stationshalt ist das schicke Schwedt in der Uckermark, wie Eisenhüttenstadt eine ehemals "sozialistische Stadt an der Oder". Es folgen Neubrandenburg, Schwerin, Zossen, Bautzen in der Oberlausitz, Löbau, Pobershau/Rübenau im Erzgebirge, Jena, Halle/Saale, die Lutherstadt Wittenberg und Potsdam. Die Frage, die sich alle "Bussarde" stellen: Was geht dort ab? Leben dort noch Angehörige der Umbruchgeneration oder sind schon alle auf Arbeitssuche im Westen? Macht diese an wackelige Lebensumstände gewöhnte Generation was los in ihrer angestammten Heimat oder dreht man in Depressionen und Alkoholismus versunken Däumchen?

Ich übertreibe natürlich, denn niemand weiß, was am Ende der Tournee rauskommt. Das ist ja auch das Spannende an der Magical Mystery Tour mit dem Magic Bus. Auch wenn wir kein LSD einwerfen und unter Jugendlichen verteilen wie einst Ken Kesey und seine Merry Pranksters, so wird die ganze Tour trotzdem eine ziemliche Bewusstseinserweiterung bewirken, denn verschiedene Leute, die sich vorher fremd gewesen waren und es gebleiben wären, sollen zusammenkommen, sich kennenlernen und Gedanken austauschen. Ihr merkt es sicherlich, es geht um ostdeutsche Identitäten - allerdings soll hier keine neue Mauer in den Köpfen errichtet werden, wie mancher Skeptiker unkt. Im Gegenteil! Mauern sollen niedergerissen und der entstehende Bauschutt für Verbindungsstraßen zwischen Ost und West verwendet werden. Es lohnt sich da- und dranzubleiben!

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Der Bus oben auf dem Foto hat zwar nix mit der Geschichte zu tun, aber mit diesem Blog, denn der Eisenhüttenstädter trägt das Bild der Stadt in die nähere Umgebung.

Mittwoch, 4. April 2012

Von Fachwerk und Stadt in Eisenhüttenstadt


Der III. Wohnkomplex zeigt bereits architektonisch den Übergang vom stalinistischen Zuckerbäckerstil über den heimatlichen Stil hin zur industriellen Bauweise mit vorgefertigten Teilen. In der Heinrich-Heine-Allee sind die Elemente des übergangsweise versuchten Heimatstils recht exemplarisch an den Fachwerk-Erkern zu sehen. Die Erker zeigen Sgraffiti mit Szenen aus dem bäuerlichen Leben oder aus den Hauffschen Märchen.

Bild bitte anklicken.

Montage: ehst.tick

Dienstag, 3. April 2012

Der Islam gehört zu Deutschland ...


... sagte einst ein deutscher Bundespräsident. Der Bundespräsident ist inzwischen zurückgetreten, der Islam hingegen weiter vorgedrungen. Mittlerweile sind Islam und Tschador in der Mitte Deutschlands angekommen und somit auch in Eisenhüttenstadt, wie die beiden Fotos vom März 2012 beweisen.

As-salām alaikum, der Friede sei mit dir!

Sonntag, 4. März 2012

Schulstempel 3. Oberschule Wilhelm Pieck


Die Facebook-Brigade verbrät derzeit die ausgedienten Schulstempel aller Schulen der Eisenhüttenstadt als Foto-Kopie. Die 2. Oberschule Erich Weinert in der Friedrich-Engels-Straße, die 3. Oberschule Otto Geratewohl in der Diehloer Straße und die 8. Oberschule Gerhart Eisler (Bruder des Komponisten-Kommunisten Hanns Eisler) im Diesterweg waren schon dran. Doch bevor mir der Ben meine liebgewonnene 3. Polytechnische Oberschule Wilhelm Pieck in der Maxim-Gorki-Straße vor den Augen wegschnappt, komme ich ihm doch einfach zuvor und blättere in meinen DDR-Zeugnissen - und voilà, da ist er, der Schulstempel!

Mittwoch, 10. November 2010

Romantisch verklärte Heimwehen


"Wie traurig geht dahin, wer euch verlässt, bei denen er aufwuchs! Selbst wer aus freier Wahl, sein Glück zu suchen, voll Hoffnung seinen Schritt ins Ferne lenkt, fühlt, wie sein Traum verblasst in solcher Stunde. Ihn wundert dann sein Entschluss. Schwermütig und zerstreut gelangt er in den Lärm der Städte mit ihren Häusern neben Häusern und Straßen neben Straßen. Ihm ist dann, als nähmen sie die Luft zum Atmen. Vor den Gebäuden, die er anstaunt, denkt er mit Sehnsucht an die Heimatflur, das kleine Haus, das lang schon ihn lockt und das er kaufen wird, wenn er einmal reich wiederkehren wird in seine Berge."

(Alessandro Manzoni: Die Verlobten)

Samstag, 24. April 2010

Ute sacht: Gute Nacht!


Anlässlich der Re:publica, dem Ferienwochenende der deutschen Bloggerinnen und Blogger, hat das Inforadio meinen guten Spielkameraden und Blognachbarn Ben aufgesucht. Um mit ihm ein Interview über die Stadt zu machen, die wir alle so liebhaben. Das Interview steht leider nicht mehr online, zumindest scheiterten meine Aufrufversuche kläglich. Am Ende sagte Ben etwas, dass mich sehr hellhörig werden ließ. Er meinte etwas von einer Müdigkeit, die ihn bezüglich des Bloggens über, um und aus Eisenhüttenstadt erfasst habe, obwohl das allgemeine Interesse so groß sei wie nie zuvor. Mit diesem Gefühl ist er nicht allein.

Es war im Frühjahr des Jahres 2006, als das "Eisenhüttenstadt-Blog – Weblog für eine alternative Stadtwahrnehmung" auf Sendung ging. Zwei Wochen später kam mir durch eine plötzliche Eingebung dieselbe Idee und ich gründete ohne Wissen des anderen das "Logbuch Stahl(in)stadt" – ein Weblog über na-was-wohl. Damals muss etwas in der Luft gewesen sein, was ich mit akuter Bloggeritis bezeichnen möchte, denn Blogs schossen wie Shiitakepilze aus der Borke. Von Beginn an kooperierten beide Blogs miteinander.

Ben und Andi, wir warfen uns die Bälle hin und her, gingen gemeinsam auf unzählige Foto-Stadt-Safaris, planten planlose Stadtführungen durch die Planstadt, tauschten uns rege über die Geschichte der Stadt und eigene Kindheitserinnerungen aus und machten sogar eine Exkursion nach Hoyerswerda, der zweiten sozialistischen Planstadt der DDR, ein städtischer Albtraum. Wir dichteten und kalauerten, bis unsere Gehirne glühten und telepathische Druckwellen ins Stadtzentrum schickten. Wir neckten, stritten und vertrugen uns. Wir initiierten Fotowettbewerbe auf Flickr und Infoduelle auf unseren Blogs. Nebenher entstand ein kleines Stadtwiki namens Wikihüttenstadt, das immer noch seiner Fertigstellung harrt. Auf diesem Weg geht übrigens ein herzliches Dankeschön an Silvio Kunze, der die technischen Grundlagen des Wikis und manch anderer Sachen bereitstellte und die meiste Zeit unsichtbar im Hintergrund wirkte. So haben wir uns gegenseitig angespornt, Rückkopplung durch Feedback, und ich bin erst dadurch soweit gekommen, bis hierhin, aber nicht weiter.

Auch wenn ich mal behauptet habe, der Schreibstoff würde nicht ausgehen, da die Unendlichkeit in jedem kleinen Krümel Hausputz stecken würde, hatte ich bald das Gefühl, alles über Eisenhüttenstadt gesagt und geschrieben und jeden Winkel der Stadt aus allen Winkeln der Stadt fotografiert zu haben. Langsam wurde ich des Themas müde, meine Aufmerksamkeit verschob sich mehr zu anderen Dingen. Mehr als einmal habe ich alles hingeschmissen, das erste Mal schon ein Jahr nach Gründung des Log-/Lobbuches. Mittlerweile erscheint mir Eisenhüttenstadt ferner als Kafiristan, Baktrien oder Trapezunt; ferner interessieren mich mittlerweile andere Planstädte viel eher, da sie neue ästhetische Reize bieten. Im März 2010 weilte ich das erste Mal in Neuruppin und Neustrelitz, zwei geplante Hausansammlungen. Die eine klassizistisch, die andere eine barocke Stadtanlage. Wenn man im seltsam schönen Neustrelitz vom Kirchturm herunterschaut, dann bietet sich einem übrigens dieser schicke Kreisverkehr auf dem Foto oben dar.

Um es kurz zu machen: Eisenhüttenstadt! Es war eine schöne Zeit, es ist eine schwere Zeit und es wird langsam Zeit, Abschied zu nehmen. Ich mache es der Tunnelstraße gleich und verschwinde von hier. Tschüs Ben! Tschüs Leser! Tschüs Hütte, altes Haus! Vielleicht mache ich demnächst ein Blog über "Pornografie und Grammatik in Afghanistan" oder "Heilserwartungen in Ernährungsfragen" oder "Die Novalis-Rezeption im Jamaica-Reggae" oder anderen kulturwissenschaftlichen Unsinn. Vielleicht aber auch nicht. Mein Tipp: Schaltet bis dahin die Rechner aus und begebt euch zur Abwechselung an die frische Luft! Fahrt nach Neuhardenberg und Neubrandenburg, nach Bad Freienwalde und Bernau! Besucht die Reuterstadt, die Fontanestadt oder die Kleiststadt! Raus mit euch! Adé!

Foto: Alessandro Minutoli

Sonntag, 11. April 2010

Tunnelstraße


Tschüssi Tunnelstraße!

Samstag, 10. April 2010

Ende Tunnelstraße


Tschüssi Tunnelstraße!

Freitag, 9. April 2010

Ende der Tunnelstraße


Tschüssi Tunnelstraße!

Donnerstag, 8. April 2010

Mittwoch, 7. April 2010

Licht am Ende der Tunnelstraße


Ein Block verschwindet, die Erinnerungen verblassen. Tschüssi Tunnelstraße!

Dienstag, 6. April 2010

Viel Licht am Ende der Tunnelstraße


An Ostern, diesem christlich überformten Frühlingsfest, zieht es so manchen in die alte Heimat, Familie, Freunde und Verwandte besuchen. Doof nur, wenn die Heimat nicht mehr steht, da sie einem so genannten Stadtumbau - Euphemismus für großflächigen Häuserabriss - zum Opfel fiel. Aber warum viel Aufriss um einen Abriss machen, wenn man ihn ins rechte Bild setzen kann? In einer Bilderreihe im Lobbuch Stahlinstadt soll der Abschied vom Wohnhof in der Tunnelstraße erleichtert werden. So schön war es doch gar nicht, alles Platte, alles grau, alles rechtwinklig, alles am Rande der Stadt und doch viel zu nahe an einer Schnellstraße. Wurde Zeit, das dieser plattentektonische Durchfall wegkommt. Augen auf, es ändert sich was! Bald wird die Lücke im linken Bildbereich größer sein und das ganze fotografierte Ensemble schlucken. Schon jetzt heißt es: Tschüssi Tunnelstraße!

Samstag, 27. März 2010

E.i.h.ü.: Brandenburg an der Havel


Da habe ich vor einigen Tagen gleich drei Einträge über Neubrandenburg bzw. Neu-Neubrandenburg gepostet und dabei kein einziges Wort über das Original verloren. Nicht nur am Tollensesee stehen tolle Fünfzigerjahrebauten, nein, auch an der Havel wurde gezuckerbäckert. Als bildlichen Einstieg wähle ich hier+heute ein ostiges Wandbild und das aus gutem Grund. Wer mit dem Zug nach Brandenburg düst - es ist der RE1 - dem "wändet" (hier: von Wand) die Stadt diese Seite zu. Ein Plattenbau (von dem mir nicht klar ist, ob er noch steht, denn er war letztes Jahr, als dieses Foto entstandt, gut eingezäunt) zeigt ein überdimensionales Weibsbild. Es ist "Die Stahlarbeiterin", einziger Farbtupfer in einer ansonsten von grauen Männern dominierten Arbeitsumgebung. Richtig, Brandenburg war einst Stahlstadt und durch das Bandstahlkombinat Hermann Matern mit Eisenhüttenstadt verbunden.


Dringt der spazierende Betrachter dann tiefer in die Stadt ein und verliert sich im Häuserlabyrinth, als das sich jede unbekannte Stadt ohne Stadtplan erweist, außer es handelt sich um eine Planstadt, wird er früher oder später das Haus der Sonne sehen. Lass die Sonne an dein Haus, so singt's der Wind in Brandenburg. Ob die Bewohner ein sonniges Gemüt besitzen? Wir wollen nicht gleich von der äußeren Hülle auf den Charakter eines Menschen schließen, aber schön wär's doch.


Irgendwann überquert der Stadtläufer die Havel und landet in der ursprünglichen Altstadt von Brandenburg, zumindest muss hier die mittelalterliche Keimzelle gewesen sein. Ein Andi Leser fühlt so etwas - die gotischen Kirchen verraten es mir. In der Nähe eine dieser Kirchen, genauer gesagt: am Paulikloster, das heute als Archäologisches Landesmuseum dient, entdeckte ich ein kleines Eisenhüttenstadt. E.i.h.ü. - Eisenhüttenstadt ist halt überall. Die Bauten aus den 1950er Jahren sind mittlerweile schick saniert und sehen aus wie Spielzeug oder Kulisse und mir fällt's wieder ein: Früher, als alle diese Bauten noch nicht modernisiert waren, trauerten sie DDR-weit in einem einheitlichen Grau-Braun (=Graun), so dass sie sich noch ähnlicher sahen und der Dejavu-Effekt stärker.

Ein Traum von mir war es immer einen Film zu drehen, in dem alle diese Bauten vom Beginn der Fünfziger Jahre als ebendas dienen: als Kulisse. Im Film sollte der Zuschauer aber nicht mehr sehen können, in welcher Stadt die Handlung abläuft, denn all die Hausdurchgänge, Pilaster, Säulen und Ornamente ergeben einen virtuellen Stadtraum. Das ist die Grundidee, die Handlung war mir damals nicht ganz klar und wird es auch nicht mehr werden, denn die Bauten sind mittlerweile nicht mehr graun sondern positivgelb oder papyrusweiß oder rosaparks inmitten von Autoparkplätzen. Vielleicht mach ich's ja doch irgendwann, einen melancholischen Streifen in Schwarzweiß, da dominieren die Farbsünden nicht allzu sehr. Von E.i.h.ü. in Brandenburg gibt es leider nur dieses eine Bild - mein Speicherchip war bereits voll und kein Löschkandidat mehr übrig.


Dieses Foto habe ich zuvor geknipst, präsentiere es aber zum Abschluss, denn es enthält die Abschiedsbotschaft: IFA wieder heim. Tschüß Brandenburg! Hallo Berlin!

Fotos: Vier Stück

Sonntag, 21. März 2010

E.i.h.ü.: Bad Freienwalde


Letztes Jahr tourte euer ergebener Stadtanachronist Andi Leser durch die Mark Brandenburg und weilte dabei auch im wunderschönen Bad Freienwalde, dem lieblichen Kurort am Rande des Oderbruchs. In der ältesten Kurstadt der Mark (seit 1684) verbrachte die preußische Königswitwe Friederike von Hessen-Darmstadt um 1800 ihren Lebensabend. Das oben abgebildete Witwenschloss war nach Plänen des Architekten David Gilly entstanden, der auch den klassizistischen Umbau des barocken Schloss Steinhöfel bei Fürstenwalde vollbrachte (Tipp: unbedingt Schloss und Park besuchen). Das Freienwalder Schloss wurde 1909 von Walter Rathenau gekauft und aufgehübscht. Rathenau fiel 1922 als Außenminister der Weimarer Republik einem Attentat von Antisemiten zum Opfer, die ihn mit einer Handgranate ermordeten. Allerdings in der Berliner Königsallee. Sieben Jahre später wurde im Wald von Bad Freienwalde die Prostituierte Emilie Parsunke aus Bernau, genannt "Mieze", damalige Geliebte des ehemaligen Zuchthäuslers Franz Biberkopf, von dem grobschlächtigen Luden Reinhold ermordet. Allerdings fand dieser Mord nur im Buch "Berlin Alexanderplatz" von Alfred Döblin statt - oder wahlweise vor einigen Monaten in der Berliner Schaubühne und mit einem großartigen und glaubwürdigen Sebastian Nakajew als Franzeken Biberkopf in der Hauptrolle.


Doch nun zum eigentlichen Thema. Eisenhüttenstadt ist halt überall (E.i.h.ü.), eben auch im halb klassizistischen, halb gründerzeitlichen Bad Freienwalde. Wenn man nämlich vom Bahnhof kommend auf gerader Straße zum Marktplatz mit Rahthaus und Kirche und Museum sich begibt, dann sieht man auf halber Strecke das alte Postgebäude stehen. Die neoklassizistisch beeinflusste Architektur verrät die Zugehörigkeit zur Epoche der Nationalen Bautradition der DDR und somit auch die 1950er Jahre als Aufbauzeit. Der gelbe Briefkasten vor der Tür (heute: Deutsche Post) und die grau-rosa Telefonzelle (heute: Telekom) sowie die zahlreichen Details an der Fassade verraten die angedachte Funktion und Nutzung als Postamt.


Leider passten nicht alle - mir will die korrekte Bezeichnung nicht einfallen, nennen wir sie halbplastische Fassadenbilder aufs Bild. Was ist zu sehen? Symbole sind zu sehen, Symbole, die etwas über die verschiedenen Epochen der Kommunikation vermitteln. Ein Hut mit Peitsche (der Postkutscher), ein Posthorn (hier: Symbol der DDR-Post), ein Telefon (Stasi?, kleiner Scherz), eine Taube mit Kuvert im Schnabel (poetisches Bild einer Brieftaube). Falls noch nicht geschehen, stelle ich dieses Haus hiermit unter Denkmalschutz, notfalls unter meinen persönlichen. Zum heutigen Frühlingsbeginn kann ich Bad Freienwalde als Ausflugsziel uneingeschränkt empfehlen, Bedingung ist wie so oft, das Wetter muss mitspielen.

Fotos: alle3vonmir

Samstag, 20. März 2010

E.i.h.ü.: Hansestadt Stralsund


Eisenhüttenstadt ist halt überall, lautet die Botschaft. Auch in der altehrwürdigen Hansestadt Stralsund, deren Bewohner als Weltkulturerben eher mit mittelalterlicher Weltkultur werben. Doch in einer Seitenstraße, versteckt hinter gotischen Backsteinfassaden und barocken Volutengiebeln, oxidiert ein Häuschen vor sich hin, das seinesgleichen sucht, aber nicht findet. Das Haus erstreckt sich über die Semlower Straße 39-40-41, es kann aber auch eine andere Straße sein, so genau hat sich das Gedächtnis den Standort nicht eingeprägt. Errichtet im Jahr 1952, die Inschrift über dem Torbogen gibt Auskunft, steht heute dieses Kleinod der Epoche einer "Nationalen Bautradition der DDR" unbewohnt und leer im Schatten der stolzen Hansearchitektur, wie ein junges Mädchen, das sich der eigenen Schönheit nicht bewusst ist. Etwas sehr poetisch, mag sein, doch es gilt, die Liebe des Lesers zu wecken, um eine baldige Sanierung voranzubringen.


Die Fassade ist klar gegliedert, typisch für den gepflegten Neoklassizismus. Pilaster, Gesimse und quadratische Kastenfenster strukturieren die Wandfläche. Untypisch und höchst originell sind die aufgebrachten Bildchen mit Schiffen und Fischen, die einen Bezug zur Stadt herstellen und besonders aufmerksamen Kindern Orientierung im Stadtraum verschaffen: "Mama, Mama, schau mal da, der Fisch! Kuck mal, Papa, das Schiff!" Es sind die Details, die Gemütlichkeit und Heimeligkeit erzeugen, was moderner Glashausarchitektur leider abgeht - die Morderne. Das Wetter und somit die Lichtverhältnisse vor Ort waren leider nicht so eitel optimal, sonst hätten es leicht ein paar mehr Fotos werden können, denn ich befand das Haus den nebenstehenden ebenbürtig.


Fotos: Me, Myself & I

Freitag, 19. März 2010

Neubrandenburg: Buntesbild aus Bundesarchiv


"Euer Stadtanachronist Andi Leser ist zwar schwer auf Draht, doch in Zeiten des WLANs ist so etwas nicht mehr ganz zeitgemäß." (Heidi Kabul) Ja, das Zitat hat recht, ich hechte immer erst hinterher hinterher, doch was soll's. Das liebeliebe Eisenhüttenstadtblog punktet im Gesichtsbuch (Facebook) mit Archivaufnahmen aus der Gründerzeit der Stalinstadt. Schnell will ich da ein Bild des Bundesarchivs nachlegen, das 1959 in meiner aktuellen Themenstadt Neubrandenburg aufgenommen wurde und welches ich in der liebenlieben Wikipedia entdeckt hatte.

Der abgebildete Block aus den 1950ern ist mit ziemlicher Sicherheit derjenige, der zwei Blogeinträge zuvor als gespiegelter Bau zu sehen war. Man beachte die Mittelrisaliten mit den Renaissancegiebeln - oder ist's schon Barock? Im Sockelbereich fehlt noch die Sandsteinverkleidung, wir sehen blanke Ziegel. Die Flaggen, die dort aus den Fensterlöchern ragen, sehen mir aus wie Deutschlandfahnen ohne Hammel und Zirkel. Kann das sein? Sieh genau hin, lieber Leser, denn das schult das Auge.

Foto: Deutsches Bundesarchiv

Neubrandenburg: Modellstadt umgemodelt


Lange Zeit wurde nicht mehr von hier nach dort verwiesen. Warum eigentlich? Heute aber nun doch. Im Eisenhüttenstadt-Blog ist unter "Das Verschieben der Neigung" ein wunderschönet Foto vom VII. Wohnkomplex abgebildet, mit psychedelisch ausgeleuchtetem Himmel und in simulierter Tilt-Shift-Optik, was dazu führt, dass die Realität wie ein Modell aussieht und der gemeine Betrachter bald wirklich nicht mehr zwischen Wahrheit und Wirklichkeit unterscheiden kann.

Von meiner jüngsten Städtereise nach Neubrandenburg ist ein Foto übrig geblieben, welches ebenfalls eine reale Stadt wie ein Modell aussehen lässt, noch dazu wie aus einem Guss. Ist natürlich alles Trick, Neu-Neubrandenburg wurde einfach digital umgemodelt, mit dem selben Spritzgussverfahren, dass schon in James Camerons Terminator I Verwendung gefunden hat.

Donnerstag, 18. März 2010

E.i.h.ü.: Viertorestadt Neubrandenburg


Eisenhüttenstadt ist halt überall (E.i.h.ü.). So lautet das Motto. Gemeint ist das Dejavu eines Hüttenstädters, das sich einstellt, wenn er in eine bisher unbekannte Stadt kommt und dort etwas in der Häuserarchitektur vertrautes sieht, genauer gesagt, Bauten, die aussehen, wie die in den ersten drei Wohnkomplexen. Dieses Dejavu hat mit dem Baustil zu tun, der überall in der DDR vorherrschend war, zumindest in den ersten fünf bis sechs Jahren der noch jungen Republik. Dieses Dejavu hat mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun, der überall in Deutschland innerstädtische Baulücken oder vielmehr Brachland hinterließ. Das Dejavu hat aber auch damit zu tun, dass die DDR eine Diktatur war, denn nur ein zentraler Herrscherwille mit absolutem Machtanspruch konnte im gesamten Land einen einheitlichen Architekturstil per Beschluss verordnen. Aus diesem Grund finden wir Fassaden im Sinne einer "Nationalen Bautradition" in verschiedenen Städten Ostdeutschlands. In Stalinstadt, in der Berliner Stalinallee, in Dresden, in Schwedt, in Brandenburg, ... - und eben in Neubrandenburg.


Die Stadt am Tollensesee gibt es seit 1248, obwohl die vorausgegangene Klostergründung am 18. August 1170 vom Datum her passender klingt, denn auch Eisenhüttenstadt wurde an einem 18. August gegründet, nur eben 780 Jahre später. Leider wurde die Innenstadt von Nigen-Bramborg (plattdeutsche Bezeichnung) am 29. April 1945 kriegsbedingt zerstört, vermutlich ein Racheakt der Roten Armee. Zu DDR-Zeiten durfte dies nicht offen thematisiert werden, es galt der Mythos vom Noble Savage Rotarmisten. Dafür wurde ab 1952 wiederaufgebaut. Übrig geblieben war eigentlich nur die alte Stadtmauer, die das Trümmerfeld (als solches sehe ich das Zentrum vor meinem geistigen Auge) umschließt und mit ihren vier Toren und den 24 Wiekhäusern allerdings ziemlich komplett erhalten ist.


Nun hatte man das Problem: das Eckige muss ins Runde, die modernen Wohnkästen mussten ins Rund der Stadtmauer eingepasst werden. Der Wiederaufbau orientierte sich am alten Straßenverlauf, die Bauten bekamen individuelle Fassaden, Renaissancegiebel, Mittelrisaliten, Portale und diesen ganzen Zuckerbäckerschnörkel, der diese Architektur auszeichnet und schnell erkennbar macht. So entstand analog zur Stalinstadt die wohl erste sozialistische Innenstadt der DDR. Das Schicksal der von einer mittelalterlichen Stadtmauer umzingelten sozialistischen Innenstadt sollte übrigens 20 Jahre später Bernau bei Berlin auch ereilen, nur dass hier nicht Rotarmisten Schuld an der Zerstörung der historischen Bausubstanz tragen, sondern die Planwirtschaftbürokratie mit ihren fantasielosen Miesepetern und geschichtslosen Schreibtischtätern.

Eisenhüttenstadt ist halt überall, auch in der Viertorestadt Neubrandenburg.

Donnerstag, 11. Februar 2010