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Freitag, 5. Mai 2006

Anstatt Karl-Marx-Stadt

Der Begründer des theoretischen Kommunismus hätte heute seinen 188. Geburtstag. Karl Marx wurde am 5. 5. 1818 in Trier geboren, doch seinen Namen bekam eine Stadt, in der er nachweislich nie war: Chemnitz. Die SED-Regierung wollte mit der Umbenennung die Vergangenheit tilgen und ihre eigene Herrschaft namentlich zementieren. Auch das märkische Neuhardenberg, das den Namen eines einflussreichen Adelsgeschlechts trägt (derer von Hardenberg), wurde zu diesem Zweck von der DDR-Regierung in Marxwalde umbenannt. Heute tragen beide Orte wieder ihren ursprünglichen Namen. Bei der Rückbenennung ging es allerdinx nicht darum, sich an Karl Marx für die Verbrechen des Kommunismus zu rächen, sondern darum, altes Recht wiederherzustellen. Dass Marx immer noch zu den ganz großen Philosophen mit Weltbedeutung zählt, beweist die Tatsache, dass weiterhin viele Straßen in Ost UND West nach ihm benannt sind.

Wenn die Geschichte etwas anders verlaufen wäre, dann gäbe es auch Karl-Marx-Stadt heute noch – anstelle der Eisenhüttenstadt. Im Jahr 1953 hatte die Staats- und Parteiführung vorgesehen, die neue sozialistische Stadt an der Oder nach dem „größten Sohn des deutschen Volkes“ zu benennen. Doch dann starb am 5. 3. 1953, zwei Monate vor Marxens 135. Geburtstag, der „Vater der Völker“ Jossif Wissarionowitsch Dschugaschwili, besser bekannt als Stalin. Und da in autoritären Strukturen Väter mehr Gewichtung besitzen als Söhne, gab man der Stadtneugründung den Namen Stalinstadt (die anderen sozialistischen Bruderstaaten hatten schon alle eine solche Metastase) und taufte stattdessen das sexische Chemnitz in Karl-Marx-Stadt um. Allerdinx begann bereits mit Stalins Tod auch dessen Ruhm und Ansehen zu verblassen, und ab 1961 war dann (bis auf Albanien) Schluss mit den Stalinstädten: Die Stalinstadt an der Wolga hieß wieder Wolgograd, und die Stalinstadt an der Oder wurde durch den Trick einer Ortszusammenlegung zur Eisenhüttenstadt.

Schade eigentlich. Dabei hätte die Bezeichnung Karl-Marx-Stadt durch ihren Verweis auf den Erfinder des Kommunismus, durch das dreigliedrige, gespreizt wirkende Schriftbild und den artifiziellen Klang der Namenskonstruktion auf lauter „a“-Silben viel besser zur sozialistischen Planstadt gepasst…

Übrigens, die Überschrift enthält einen externen Link, der verweist auf die digitale Ausgabe des Kommunistischen Manifests von Marx und Engels (http://gutenberg.spiegel.de), dessen Lektüre ich jedem politisch interessierten Bürger, egal welche Coleur seine Socken haben, dringstens anempfehlen möchte. Das Büchlein ist in weiten Teilen sehr luzide geschrieben und amüsant zu lesen.

(Notabene: Nein, Karl Marx gehörte nie zu den Marx Brothers und Stalin ist nicht Erfinder der nach ihm benannten Stalinorgel.)

Kommentare:

  1. notabene Anschlussfragen:

    Welche Rolle spielte Freund Karl in der berühmten Schalkiade "Marx und Moritz" und war der entsprechende Moritz Moritz Schlick und wie verhält es sich zu dessen Hans Nelböck im Unglück, der mit dem Wiener Philosophen bekanntlich gleich den Wiener Kreis zerschoß?

    Und wo hat der Marxwellsche Dämon seinen Pferdefuß in der Sache?

    Was und wie machte der Komponist Marx Reger? Marx Frisch oder Marx Ernst? Ist in Hinblick auf blöde Wortspiele schon ein Marximum erreicht oder gar bereits der Klimarx überschritten? Und was ist mit Marx' Headroom?

    Genug nun zum bärtigen Freizeitpädagogen aus Augusta Treverorum! Denn die wirkliche brennende Frage betrifft jemand anderen und lautet:

    War Josef die Ostversion einer Vestalin?

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  2. Josef W. Stalin war doch keine Westphalin!

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